18 Januar 2025

Modena (2)

Samstag. Bedeckter Himmel. Zum Mittagessen mit zwei Zügen voller Idioten nach Modena, Ankunft pünktlich. Dort wollte ich eigentlich woanders essen aber bin an der Markthalle vorbeigekommen, in der sich das Volk amüsierte. Da habe ich mich mitamüsiert. 
 
 
Wir essen keine Gänse sondern:

Bruschette con fegato di pollo (Hühnerleber)
Tortellini con crema di parmigiano
Glas Lambrusco di Sorbara secco
Wasser
Espresso

Nach dem Essen zur Erholung in die lokale Craftbier-Bar und dann mit dem Zug zurück nach Ferrara, Ankunft pünktlich. Das Wetter hat sich auch erholt.


16 Januar 2025

Faenza

Donnerstag. Morgens mit zwei Zügen von Ferrara nach Faenza, Ankunft pünktlich. Vom Bahnhof sind es nur ein paar Schritte zum MIC.
 
Das "Museo Internazionale delle Ceramiche" in Faenza hat die unverwechselbare Aura eines europäischen Keramikmuseums. Man müsste eigentlich mehr Geld investieren, die Sammlungen lohnen sich ja immer, aber die Gebäude sind halt so wie sie sind und Geld kann man auch woanders ausgeben. Ich würde es nicht heruntergekommen nennen, vielleicht altbacken. Auch verdient die Sammlung eine andere, bessere Präsentation.
 
Die Keramiksammlung besteht aus drei großen Teilen.
 
Einmal die frühe asiatische und mittelamerikanische Keramik von vor AD bis ins 17. Jahrhundert. Damit beginnt der Rundgang in einem katakombenartigen Keller. Alles gute und schöne Stücke, auch unter den Aspekten des Handels und der Herstellungstechnologie kundig und ausführlich erklärt. Nur irgendwie finster, auch wenn die Vitrinen beleuchtet sind.

Dann die italienische Keramik vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert. Eigentlich sollte dieser Teil im Rundgang folgen, aber man wird ganz woanders hin geleitet und kommt hier zum Schluss vorbei. Von diesem Subjekt haben sie hier alles, alle Jahrhunderte, alle Herstellungsorte, alles. 
 

Das sind nicht ein paar Vitrinen, das sind Säle oder vielmehr Saalfluchten. Insbesondere ein Saal mit einem fest eingebauten Regalsystem von Vitrinen zeigt eine Überfülle von Exponaten der verschiedenen Produktionsorte und nuancierten Stile des 18. und 19. Jahrhunderts, die von dem interessierten Laien nicht mehr voneinander zu unterscheiden sind. Bis hier sind Gebrauchskeramik und (einzelne) Kunstgegenstände vermischt.


Der dritte Teil zeigt das 20. Jahrhundert, hier unterschieden in Kunst und Gebrauchskeramik. Der geneigte Besucher stopert irgendwie vom Mittelamerika des 13. Jahrhunderts in einen breiten Gang voller Kunst, und das ist richtig richtig gut. Für Keramikkunst gibt es in Faenza jährlich den "Premio Faenza" (wir sind im 63. Jahr) und viele der Gewinner haben ihre Stücke hiergelassen. Man findet (ich muss es so sagen) im weiteren Rundgang einen weiteren riesigen, aber schlecht konstruierten Raum voller atemberaubend schöner Keramik. In einer dunklen Ecke auch mehrere Stücke von Lucio Fontana, eine Schande.
 

 
Mehr durch Zufall und weil die Museumswärterin hier (es sind alles Frauen) aufpasst gehe ich noch einen langen Wendelgang in den Keller hinunter und gelange in einen großen Raum, der mit einem Lichtschacht beleuchtet ganz hell ist und wohl auch als Veranstaltungsort dient. Zuerst arbeitet man sich an einer langen Wand an einer etwas austauschbaren Sammlung entlang, die nach Verwendungsart (Öllampen, Becher, Kerzenhalter und so weiter) sortiert ist. Lässt man dann die Kacheln und Fliesen rechts liegen taucht eine Reihe von Vitrinen mit Geschirr des 20 Jahrhundert auf, jedes Jahrzehnt und jede Stilrichtung eine Vitrine. Die Stücke sind erlesen, ganz außerordentlich gut. Es ist fast so, als sollte man sie nicht finden.
 
Es kommt dann noch viel viel mehr. Sehr spannend eine lange Vitrine mit Photos von italienischen Kunstgewerbeausstellungen des 20. Jahrhunderts, und davor jeweils eine größere Anzahl von Originalen, die auf den Photos zu sehen sind. Unglaublich, was sie alles haben (und woher).
 

Zwei Virtrinen mit Keramik des Futurismus. Sie haben alles.

 
Ganz zum Schluss (oder zu Beginn, offenbar je nach Windrichtung) geht man eine herrschaftliche Treppe hinunter (oder hinauf). Sehr prominent hier gehängt eine riesige Keramik von Burri (von 1993). So verknüpfen sich die Fäden (siehe 6. Januar 2025). So schnell können 10 Tage vergehen.


Erschöpft rette ich mich zu Marianaza.


Bumsvoll die Bude. Die Attraktion ist ein großer offener Grill, der von mehreren Personen bearbeitet wird. Viele Gäste, insbesondere die männliche Varietät, verzichtet dann auch auf Vorspeise oder Nudelgang und lässt sich, gerne auch in Gruppen, Fleischplatten bringen.

Wir selber essen keine Gänse sondern:

Lardo con piadina
Cappelletti in brodo
Costoline di castrato
Wasser
Wein
Espresso
44 Euro

Der Lardo als Vorspeise ist nicht mehr das Wundergerät von vor zehn Jahren oder so. Damals wurden auf dem Grill ein paar Scheiben Weißbrot erst geröstet und dann kurz mit dem Lardo drauf weitergegrillt. Heute kommt kalter Lardo von sehr guter Qualität und dazu warmes Fladenbrot (piadina). Nicht schlecht, ganz und gar nicht, aber das ging früher besser.

Spaziergang durch Faenza, dann Zug nach Bologna. Bologna hat mir noch nie was gesagt und wenn ich Urlaub in einer stressigen Stadt machen wollte dann wäre ich nicht nach Ferrara gefahren. Aber wenn ich schon einmal dort bin dann will ich wenigstens einmal durch die Stadt gehen. Grandios natürlich die piazza de nettuno und die piazza maggiore, wo sie im Mittelalter dem Volk die gebratenen Tiere vom Balkon der palazzi zum Fraß hingeworfen haben bei offiziellen Anlässen. Basilica di San Petronio langweilig, Wappensaal des Archiginnasio nicht zugänglich (aber der sehr hübsche Bogengang im Erdgeschoss schon), dann rumgelaufen. Einer der beiden Torri neigt sich sehr bedrohlich, dunkel und abweisend stehen sie da in der Stadt herum. Wetter super, blauer Himmel, Sonne und kalt.


Abends nur Brot und Käse und Wein in meiner Wohnung.

14 Januar 2025

Venedig

Dienstag. Superwetter: 0 Grad kalt und sonnig und wolkenlos.
 
Der Autor konnte bis heute etwa um Viertel nach 11 ohne rot zu werden behaupten, noch nie in Venedig gewesen zu sein. Allenthalben hörte ich die tollsten Geschichten und schwärmerischen Berichte davon, aber gesehen habe ich Venedig noch nie. Um die meinem Sternzeichen angemessene Jungfräulichkeit wenigstens in Bezug auf Venedig recht lange zu erhalten habe ich mich auch im Vorfeld der Reise zurückgehalten. Als Reiseführer erstand ich den roten Band vom Touring Club Italiano, worin keine Bilder sind aber dafür Zeichnungen von jedem Palast entlang des Canale Grande inklusive ausührlichster Beschreibungen. Nur für die Stadt Venedig ist dieser Reiseführer über 700 Seiten dick, und er bespricht nur Kunst und sonst nichts. Ich kenne Bilder vom Canale Grande nur von Canaletto und Konsorten. Ich war da echt noch nie. Die Spannung steigt.
 
Das nennt man neumodisch "Erwartungsmanagement". In diesem Fall hier bedeutet es, dass die Erwartung maximal hoch ist. Und eigentlich nur enttäuscht werden kann. Vorab: Sie wurde nicht enttäuscht. Sie wurde weit übertroffen.
 
Also los morgens mit dem Frecciarossa von Ferrara nach Venedig. Superwetter, oder sagte ich das schon?
 
 
Ankunft in Venedig pünktlich. Und nun? Was ist der erste Eindruck von Venedig?
 
Der erste Eindruck ist der Bahnhof natürlich. Ich hatte ein Monster erwartet a la Roma Termini, aber nein. Ein supereleganter Flachbau zum Canale Grande hin, zur Zeit des Faschismus erbaut mit unverkennbaren Zeichen aber absolut italienisch. Sehr italienisch auch die Baustelle direkt vor dem Portal, so dass es sich nicht lohnt Bilder davon zu machen. Bilder gibts im Internet.
 
Der nächste Schritt war, eine Bootsfahrkarte für den ganzen Tag zu erstehen. Das Internet rät dringend dazu, vorab irgendwelche Voucher zu buchen und dann an Automaten auszudrucken. Man kann auch einfach an den Automaten gehen, zweimal auf den Touchscreen drücken und sich 25 Euro von der Kreditkarte abziehen lassen. Dauert nur Sekunden. Vermutlich reichen im Sommer die drei Automaten an der Anlegestation am Bahnhof nicht für den Andrang. Achtung: Auch das Tagesticket muss jedesmal "entwertet" werden bevor man ein Boot besteigt.

Der Vaporetto-Verkehr erscheint vielleicht zunächst verwirrend aber ist es eigentlich nicht. An den einzelnen Stationen gibt es häufig mehrere Trajekte, die dann mit Buchstaben durchgezählt sind also "Ferravia A", "Ferrovia B" und so weiter. An einem solchen Trajekt halten in der Regel nur Boote in eine Richtung von einer Linie, so dass man hier eigentlich nicht durcheinanderkommen kann.

Dazu hatte ich mir vorgenommen, NICHT vom Bahnhof aus den Canale Grande herunterzufahren und es mir gleich richtig zu geben, sondern vielmehr gegen den Uhrzeigersinn in und durch den Giudecca-Kanal zu fahren und sich San Marco dann vom Wasser her zu nähern. Linie 2 vom Steg "Ferrovia A" macht das. Es hat auch funktioniert. Es ist grandios.
 
Wie immer kann man auf die Bilder klicken, dann werden sie größer.
 
Ich sehe das zum ersten Mal in meinem Leben. Grossartig, oder sagte ich das schon? Einmal gelandet ist klar, dass wir hier auch im Januar nicht alleine sind, aber kein Problem. Auf der kleinen Piazza wird gebaut, die große Piazza ist groß und leer. Vor San Marco sind keine Schlangen, mehr geht einfach rein.



Was dann kam hatte ich nicht erwartet. Natürlich liest man im Reiseführer (der ohne Bilder) und denkt sich seinen Teil. Auch habe ich ja schon dies und das gesehen auf der Welt. Aber sowas habe ich noch nicht gesehen.



Damit könnte man den Tag beenden. Ich habe alles gesehen.

Oder weiter. Zu Fuss zur Akademiebrücke und dann entlang des Rio d. San Trovaso zur Osteria Al Squero. Das ist eine sogenannte "Cicchetti"-Bar, venezianische Tapas oder Pintxos wie die Spanier sie nennen würden. Der Laden ist winzig und man sitzt aufeinander bei guter Stimmung. In der Theke gibt es Versionen von cicchetti mit Gemüse, Fisch oder Fleisch (also zum Beispiel mit Lardo belegt). Am Ende sind es Scheiben von Stangenbrot mit einer Scheibe Salami drauf. Das Internet ist von dem Laden begeistert aber vermutlich sind es Touristen die froh sind, überhaupt irgendwo in Venedig etwas zu essen bekommen zu haben. Gut ist es nicht, trockenes Brot vom Morgen mit einer Scheibe Lardo oder sowas, jede Spanierin und jeder Spanier wäre sofort getürmt. Aber gemütlich.

Und wer sagt eigentlich es sei immer voll in Venedig?


Von da den schönen Spaziergang am Südufer des Dorsoduro entlang bis zu Santa Maria delle Salute im prallen Sonnenschein, denn entlang des Canale Grande zurück. Dann in die Ak(k)ademie.


Der Laden ist eine Katastrophe für Besucher, die Führung geht nicht weil irgendwie alles andersherum ist heute. Natürlich ist das das herausragende Museum für venezianische Kunst des 16. Jahrhunderts und später. Ich selber kann damit so viel nicht anfangen, ich (wir hatten das schon bei der Ausstellung in Ferrara) lebe im Kopf etwas früher. Nichtsdestotrotz ist das hier toll. Nicht zu Venedig gehören ein paar überraschende Bilder: Ein kleines von Piero della Francesca, das mir nichts sagt aber die schönen Hügel von Sansepolcro im Hintergrund hat, und zwei und ein 4/3 Triptychon von Hieronimus Bosch was mich hier überrascht aber die stehen da einfach so und man kann seine Nase drandrücken anders als in Madrid, wo da noch 1000 andere Leute vorstanden. 
 
 
Dann natürlich Säle über Säle von der Mutter mit dem Kind und dem Kind am Kreuz. Sehr schön ist ein kleiner Raum, den man fast übersehen könnte, mit einem großen Bild von Tizian am Originalort:
 
 
Ein wenig gemaltes Motiv, der Tempelgang der (dreijährigen) Mariä. Das Kind leuchtet aus dem Bild heraus. Johann Wilhelm Schirmer schreibt im Tagebuch seiner Italienreise 1840: "Titian. eins der schönsten Bilder ist die Darbringung Mariae im Tempel, die Würkung des naiven ist schlagend wie das kl. Mädchen die Stufen des Tempels hinansteigt und man steht so verwundert wie die andern Leute im Bilde dem frommen Einfalle des Kindes zu sehen. Die Umgebung sehr grandios mit dem Monte Soracte."
 
Einmal Tizian immer Tizian, also zur Frari-Kirche. Da gerade ein Boot kommt dann halt mit Boot. Also dann doch: Der Canale Grande vom Wasser aus. Mir stockt der Atem.
 

 
Die Frari-Kirche fährt im Januar ein Sonderangebot: Eintritt für 2 Euro statt 5 Euro. Dafür schaue ich mir dann auch nur ein Bild an, ganz hinten am Altar. Die Kirche selber hätte man ruhig ein wenig größer bauen können. Viel zu bescheiden.

 
Das liest sich jetzt alles so angenehm und kurzweilig aber es wird mittlerweile dunkel draußen. Also jetzt doch mit dem Vaporetto über den Canale Grande zurück zum Bahnhof. Das volle Programm.
 

 
Zurück nach Ferrara mit dem Regionalexpress, Ankunft in Ferrara pünktlich. Ein Stück Pizza und dann weiter im Kulturprogramm zum Klavierkonzert in dem wundervollen Theater von Ferrara.



Eine Loge für mich alleine im 2. Stock mit perfektem Blick auf die Finger von Andrea Lucchesini und sehr gutem Klang. Er spielt
 
Luciano Berio - Six Encores
Franz Liszt - Sonata in si minore S178
Luciano Berio - Sequenza IV per pianoforte
Fryderik (so schreiben die Italener ihn) Chopin - 24 Preluden op. 28
Zugaben: Chopin und Prokofjiew.

Sehr gut und schön lang. In dem Theater habe ich schonmal ein Konzert gehört, Matthias Goerne hat damals zu Alexander Schmalcz am Klavier die "Schöne Müllerin" gesungen - das werde ich meinen Lebtag nicht mehr vergessen. Das Publikum erstarrte.

Piero-Zähler: 8.

11 Januar 2025

Arezzo

Samstag. Mal sonnig mal bedeckt und kalt. Samstags gibt es vormittags einen durchgehenden InterCity von Ferrara nach Arezzo (und weiter nach Rom). Den hatte ich schon vor langer Zeit gebucht. Abfahrt in Ferrara pünktlich.


Der Zug kann sich nicht drehen, deshalb hält er in Florenz nicht in der Stadt sondern in einem Vorort. Die Wagen sind fast leer und bequem. Leider sieht man im Valdichiana nicht viel vom Valdichiana, weil die Schnellstrecke durch die Landschaft (und das heisst meistens unter der Landschaft her) schießt. Ankunft in Arezzo pünktlich.

In Arezzo munteres samstagliches Treiben. Die Osteria l'Agania ist nur zehn Minuten vom Bahnhof entfernt. Der Laden ist viel größer als er aussieht, es gibt noch eine obere Etage und hinterum kommt man noch in mindestens einen weiteren Saal im Haus nebenan. Ständiges Kommen und Gehen, bumsvoll. Die Öffnungszeiten mittags sind bis 14:30 Uhr angegeben, aber wer um 14:45 Uhr kommt wird platziert und versorgt, und sei es in einer Gruppe von 6. Hier geht es nicht um "Leider schon geschlossen", hier geht es darum die Gäste zu füttern und sie glücklich zu machen (und dabei eine Menge Geld zu verdienen, aber so muss es sein).


Wir essen keine Gänse sondern:

Bruschette toscane (auf dem Bild)
Tagliatelle con regu di cinghiale
Kutteln in Tomatensauce
Wasser
Wein
Espresso
34 Euro

Das Olivenöl ist aus Monte San Savino.

Super. Dann Verdauungsspaziergang auf die tolle Piazza. Hier immerhin einzelne Touristen.


Dann ganz nach oben in den Dom. Ein weiterer Piero della Francesca an der Wand hinten in der Ecke.


Von dort wieder runter auf der anderen Seite zu San Domenico. Die Kirche wird ncht so häufig besucht, dabei hängt dort ein sehr frühes und sehr eindrucksvolles Kreuz von Cimabue. 
 
 
Und dann wieder retour zu San Francisco, zum Freskenzyklus des heiligen Kreuzes von Piero della Francesca. Kein Mensch in der Kirche.





 
Wir setzen das Kunstprogramm mit zwei Gläsern guten Craftbeers im "Hoppy Lab" fort. "Laboratorio" ist ein In-Wort in Italien, dort wo Teig geknetet wird ist ein "Teig-Labor", hier ist halt ein "Hopfen-Labor" auch wenn hier kein Bier gebraut wird. Die Italiener kennen die zusammengesetzten Worte des Deutschen nicht, die Türstopperkatze ist die Ferma Porta Gatto. 
 
 
Der Taproom von "Hoppy Lab" ist so, wie ihn nur Italiener können: Im Erdgeschoss eines Palazzo direkt unterhalb von San Francesco. Hier nehme ich auch ein paar Dosen von Alder Beer Co. aus Mailand mit, was sich als Volltreffer erweist und die Rückfahrt signifikant verschönert. Die 1. Klasse des InterCity zurück ist leer, draußen ist es dunkel und drinnen gemütlich warm bis der Zug pünktlich in Ferrara ankommt. Hin- und Rückfahrt in der 1. Klasse haben, früh gebucht, zusammen 25 Euro gekostet.

Piero-Zähler: 7 (wenn man San Francesco als ein Bild zählt).

10 Januar 2025

Der Kardinal

Freitag. Morgens erstmal machen, was man freitagmorgens macht wenn zum ersten Mal in der Woche die Sonne scheint.


Am Marktplatz von Ferrara ist auch ein großer Buchladen über drei Etagen in einem Palazzo. Es gibt dort, spannend genug, neue Bücher und gebrauchte Bücher in einem Geschäft. Die oberste Etage ist den Großformaten gewidmet und der Kunst. Wie immer in gediegenem Ambiente.


Dann zum Mittagessen zu "Il Cucco". Die Empfehlung kam vor vielen Jahren ursprünglich aus dem "gambero rozzo", der zornigen Garnele. So hieß ein dicker Reiseführer für Italien, der nur traditionelle Trattorien besprach. Den Reiseführer gibt es nicht mehr, Il Cucco schon. Das Restaurant liegt etwas ab vom Schuss in dem ältesten Viertel von Ferrara und hat 12 Tische. Zuim Mittagessen sind mit mir nur zwei Tische besetzt. Aber in den ersten fünf meiner neun Leben habe ich eins gelernt, nämlich dass mir egal ist, wer in dem Laden sitzt. Was auf dem Teller ist, das zählt. Und da wird geliefert. Wir essen keine Gänse sondern:

Tagliatelle al ragu
Tagliata manzo con patate
Wasser
Wein (ein guter diesmal)
Espresso
39 Euro

Die Qualität ist herausragend. Das ist besser hier als in den Osterien und Trattorien in denen ich sonst so gerne esse. Das macht jene nicht schlecht - das hier ist besser. Die Tagliata (un po meno che medio) ist super.

Dann zum Nachmittagsspaziergang zum Palazzo Schifanoia. Da wohnte nun der Sohn Ippolite von Ercole I d'Este drin zum Vergnügen. Ippolite war Kardinal, die wollten sich auch vergnügen. Dazu traf man sich im "Salone dei mesi" (Salon der Monate).

Die Bildqualität ist furchtbar. Entweder man hat ausgeglichene Farben oder man erkennt die Fresken. Mir sind Fresken immer wichtiger.
 
Interessant hier vielleicht, dass der Fürst durchgehend lächelnd dargestellt wird - er hat Spaß an seiner Stadt und seinen Verlustierungen.

Wie immer ganz bescheidener Palazzo also.
 
Abends noch ein paar Bier in "Il Molo", dem lokalen Craftbierestablishment. Sehr engagierter Betreiber, der Sachen ranschafft über die ich mich nur wundern kann. Nochmal wundern heute. Ein guter Tag.

09 Januar 2025

Der Bruder

Donnerstag. Nach der Völlerei gestern und vorgestern heute mittags nur ein gutes Stück Pizza bei MORSO. Dann zum Palazzo dei Diamanti in der addizione erculea, dem neuesten Stadtteil im Zentrum von Ferrara von 1498.


Der Palazzo steht an einer Straßenkreuzung die "Vierweg der Engel" heisst und wurde von einem Bruder Ercole I d'Estes bewohnt. Von den Palazzi der Söhne von Ercole I sprechen wir noch. In dem Palast ist heute die Kunstsammlung von Ferrara und im Erdgeschoss viel Platz für Sonderausstellungen.
 

Hier nochmal der Hinweis, dass die Italiener die Jahrhunderte anders zählen - das "Cinquecento", also das "Fünfhundert", sind die Jahre 1500 bis 1599. Also das 16. Jahrhundert. Die Ausstellung deckt den sehr lebendigen Malbetrieb in Ferrara ab 1500 bis etwa 1550 ab, als es nicht zuletzt durch Frau Borgia wichtiger wurde, an seinem Fürstenhof einen engagierten Kunstbetrieb zu haben. Geld hatten die Estes aus der Schifffahrt auf dem Po und dem Handel mit Salz aus den Salinen der Adria. Und dann hat man es in Ferrara halt gerne krachen lassen. Dabei spielte die Malerei nicht einmal die wichtigste Rolle.

Eine Gruppe von Malern, deren Kern vier Männen waren, hat die Kirchen und Paläste von Ferrara überreichlich mit christlichen Motiven ausgestattet, die jetzt in großer Zahl in einer sehr gut präsentierten Ausstellung versammelt sind. Mein eigenes Herz schlägt nicht zu sehr für diese Zeit und diese Motive, ich bin gerne ein paar Jahrzehnte früher unterwegs. Von daher empfang ich zwei Bilder als ungewöhntlich, andere mögen anders urteilen:

"Cristo ha portato giù dalla croce e San Giuseppe di Arimatea, Santa Maria Maddalena e San Giovanni" von Ortolano - eine aus meiner Sicht gewagte aber erfolgreiche Komposition und sehr ausdrucksvolle Farben
 
und
 
"Jupiter malt Schmetterlinge" von Dossi. Das ist auch das Coverbild der Ausstellung.

Man kauft ein Ticket und bekommt ein Ticket für die Kunstsammlung dazu, das man irgendwann in den nächsten Wochen abfeiern darf. Ich kehre also noch zurück.

08 Januar 2025

Ermes

Morgens über die Autobahn zum Flughafen in Bologna, den Fiat Panda wieder abgeben. 48 Stunden und 650 Kilometer. Espresso im Flughafen, dann mit dem Schnellbus nach Modena. Das Wetter vielversprechend.

Der Apennin. Doch, wirklich.
 
Von einem nebligen Tag in Modena kann man sich viel versprechen. Antonio Delfini, ein in Modena 1907 geborener und dort gelebter Schriftsteller, veröffentlichte in seinem Erzählband "Il recordo della Basca" (das einzige Buch von ihm, das ins Deutsche übersetzt wurde) die Geschichte "Der Schmuggler" über einen Glücksspieler und Schmuggler im Modena der 1930er Jahre. Hier spielt der modenese Nebel eine zentrale Rolle und eine sehr schöne Szene passiert nachts in einer Bar im Winter unter den Arkaden in Modena, wo der Nebel so dicht ist dass der Lastwagen des Schmugglers erst aus dem Nebel auftaucht als er direkt vor der Bar zum stehen kommt.

Das ganze Buch ist voller melancholischer Erzählungen eines Schriftstellers, der älter wird und gerne jünger wäre. Auch in Modena wird er nicht überall geschätzt. In Deutschland kennt ihn niemand.

Wie auch immer, der Nebel lichtet sich (leider) und in Modena ist es ganz freundlich. Spaziergang zum Zentrum und zum Dom. Der Dom ist von außen ganz hübsch, innen wunderbarste Romanik mit Ausstattung aus dem 14. Jahrhundert.



Im Zentrum von Modena gibt es außerdem eine Markthalle, die ohne Weiteres von der Piazza XX Settembre so nicht als solche zu erkennen ist weil sich der kleine Eingang von dort im Erdgeschoss eines riesigen Palazzos befindet. Von der Via Luigi Albinetti aus ist sie leicht zu finden. Das ist eine richtige funktionierende Markthalle: In der Mitte des einen großen, von oben mit Fenstern beleuchteten Raumes die Stände mit Obst und Gemüse, rundherum in großen Nischen die Fleischer und Metzger, ein oder zwei Restaurants mit Tischen in der Halle, und in den Gängen zu den seitlichen Eingängen gruppiert die weiteren Stände (Käse, Bäcker, Blumen und so weiter). Dazwischen eine paar Stände, um eine Kleinigkeit zu essen. Ziemliches Gewusel (nicht auf dem Bild, hat aber auch gedauert).


Solche Markthallen gibt es im Süden ja öfters, zumindest in den größeren Städten scheinen sie abe rmehr den Touristen als den Einheimischen zu dienen. Barcelona fällt ein als Beispiel. Aber in Valencia habe ich in Vororten in wunderbaren Markthallen eingekauft, und auch hier in Modena fülle ich meinen Vorrat an Mortadella (am Stück, ohne Pistazien, 7,65 Euro/Kilogramm) auf. In Deutschland kenne ich nicht mehr viele Städte mit funktionierenden Markthallen, Hannover und Frankfurt kommen mir ins Gedächtnis, wobei diese beiden auch schon mehr auf Gastronomie als auf Lebensmittel ausgerichtet sind.

Aber für einen Dom und eine Markthalle fährt man doch nicht nach Modena? Ab zu Ermes zum Mittagessen.


Ermes lebt schon seit ein paar Jahren nicht mehr und ein Team aus zwei Köchinnen und zwei Kellnern führt jetzt Regie in seinem Laden. Publikum und Stimmung sind wie immer. Es gibt jeweils vier primi und secondi, und es werden erst die etwa 40 Gäste durchgefragt und dann wird gekocht. Folglich kommen die primi auch nicht alle gleichzeitig oder in Reihenfolge der Gäste sondern sortiert nach Gericht - erst die Nudeln mit Ragu, dann die mit Erbsen und so weiter. Ich gerate außerdem heute offenbar in das Neujahrsfest des Freundeskreises von Ermes und der Osteria, die Lambrusco trinken und romagnole Lieder absingen und vorher den Text der Lieder auf Zetteln an die Gäste verteilen, damit die auch mitsingen können. Die niedliche junge Frau, die zufällig auf dem Bild ist und mit ihrem Freund zu Mittag isst, braucht die Zettel nicht, sie kennt die Lieder alle auswendig. Wir essen keine Gänse sondern:

Pasta e fagioli
Ossobuco con piselli
Flasche Lambrusco di Sorbara secco (edizione Ermes)
Wasser
Espresso
Amaro aufs Haus
37 Euro.

Das kann dann schon mal zwei Stunden dauern. Sehr gut. Dann mit dem Zug zuerst nach Bologna und dann nach Ferrara. Zugfahren in Italien ist, zumindest mit Regionalzügen, billig - die Fahrt von Modena nach Ferrara kostet 8 Euro. Man kauft die Fahrkarten per App. Die Züge sind wie in Deutschland modern und dreckig, aber sie sind pünktlich - man darf sich wundern. Der Zug wird auch von vorne bis hinten von Polizisten durchkämmt, die jeden Ausweis sehen wollen und diese scannen. Offenbar ist das normal.

Am frühen Abend bin ich wieder in Ferrara und auf dem Weg vom Bahnhof nach Hause geht es direkt durch die Altstadt. Dort gibt es neuerdings eine gute Kneipe mit italienischen, britischen und spanischen Craftbieren, also dauert der Heimweg etwas länger. Nach dem ganzen Gefutter und Getrinke nur ein Stück Brot und Käse zu Abend.
 


Also für mich fühlt sich das ziemlich nach Entspannung an.