01 Februar 2026

Ferrara

1. Februar. Sonntag. Kühl und sonnig. Die Touristensaison ist eröffnet.

Ich höre erstmals Französisch und Deutsch. Ich werde plötzlich auch auf Englisch angesprochen. Und auf der Piazza hat eine Souvenirbude aufgemacht.

Dies ist vielleicht kurz die Gelegenheit, über Ferrara zu sprechen. Meine Erlebnisse in Venedig und Mantua sind ja nichts Neues: Die Touristen kommen, und die Städte nehmen sie. Wobei Venedig in Gänze verloren ist und es in Mantua erst anfängt. Aber genau das, was die Touristen suchen, zerstören sie - auch das ist bekannt. Wobei es geschäftstüchtige Italiener sind, die ihre Städte zerstören, nicht die Touristen selber. Oder nur deren Dummheit und Ignoranz.

Was mich in Ferrara fasziniert ist, dass die Stadt sich an den Tourismus nicht angepasst hat. Natürlich stehen Schilder herum, wo es zu den Sehenswürdigkeiten geht. Aber eine prime destination für Tourismus ist Ferrara einfach nicht. Und in der Stadt finde ich kein einziges Geschäft, das sich dem Tourismus widmet. Die Stadt gehört noch den Bewohnern. Vielleicht hat es den Besuch in Mantua gebraucht, um mir das so klar zu zeigen. Selbst die Sourvenirbude in Ferrara ist fahrbar - im Januar war die einfach weggefahren. Und die Trattorien servieren ordentliche Pasta - sonst würden die Ferrareser sie vermutlich auch anzünden. Denn die gehen da rein und essen.

Mein Mittagessen mache ich selber. Gemüsebrühe kochen und Cappelletti von der Pastamanufaktur nebenan.

Ich weiss nicht, ob ich der "bessere" Tourist bin. Ich bleibe lange und kaufe in der Stadt ein wie die Bewohner auch. Ich habe keine Bedürfnisse nach Souvenirs. Ich trage allerdings auch nicht zur Stadtgesellschaft bei und wohne in einer Wohnung in einem Haus, das an Besucher vermietet wird und also nicht mehr an Einwohner von Ferrara (ich schreibe bewusst "Besucher" und nicht "Touristen", denn es sind im Moment Leute aus der Universität). Ich würde eher eine Reise absagen als in ein AirBnB zu ziehen. Vielleicht fühle ich mich in Ferrara wohl, weil ich es noch nicht kaputtgemacht habe. Wir werden sehen.

30 Januar 2026

Arezzo

Freitag. Morgens mit dem Frecciarossa nach Florenz.

Ankunft 20 Minuten verspätet. Aber egal, denn der Anschlußzug nach Arezzo kommt sowieso nicht. So habe ich genug Zeit, den Spatzen von Gleis 13 bei ihren Verrichtungen zuzusehen.

Ankunft in Arezzo 50 Minuten verspätet. Der Zug fährt durchs Valdarno, die Berge hübsch, die Dörfer furchtbar.

Die verspätete Ankunft wirft meine Pläne etwas durcheinander, denn genau wie in Mantua gestern bin ich nicht nur für die Kunst sondern auch zum Essen hier. Es ist aber mittlerweile fast 15 Uhr. Bei Il Saraceno wird schon zusammengeräumt, aber in Agania ist noch bunter Betrieb. Es kommen auch weiter Leute und werden platziert. Wir essen keine Gänse sondern

Bruschette mit Spinat, Knoblauch und Olivenöl
Pici al sugo di cingiale
Corniglio in porchetta con insalata
Zwei Gläser Wein
Wasser
Espresso
48 Euro

Puh. Super.

Spaziergang zum Dom, wie immer.

Spaziergang zu San Francesco, wie immer.


Spaziergang zu Hoppy Lab, wie immer. Dort zwei Bier in dem Palazzo genommen, dann mit Intercity in der 1. Klasse sehr bequem ohne Umsteigen zurück nach Ferrara, Ankunft gegen halb 9 abends und 7 Minuten verspätet. Wegzähler Stadt-Bahnhof: 5.

29 Januar 2026

Mantua

Donnerstag. Im dichten Nebel mit dem Auto nach Mantua. Diesmal nicht auf dem direkten Weg (ha!) sondern mit einem kleinen Umweg zur Cantina di Carpi e Sorbara in Concordia. Dort Direktverkauf von Lambrusco, sehr einfach, sehr freundlich. Der Lambrusco hat ja seinen Ruf weg in Deutschland, dabei ist Lambrusco di Sorbara (der Beste) ein sehr elegantes Getränk. Aus Sorbara haben sie drei verschiedene Versionen: die einfache kostet 3 Euro pro Flasche, die mittlere 7 Euro und die beste 12 Euro. Wie kann man einen Wein anbauen, ernten, verarbeiten, Flaschen kaufen und den Wein in die Flasche füllen für 3 Euro? Ich nehme ein paar der besseren Flaschen mit.

Mantua ist ein Reiseziel für mich wegen der Dualität von Kunst und Küche. Erst zur Kunst, dann zur Küche. Das Rahmenprogramm ist wie vor einem Jahr.

Palazzo Ducale - Camera degli sposi


Wie man sieht ist es nicht gerade überlaufen.

Palazzo Ducale - der ganze Rest
















Zwei Stunden sind zu wenig für den Palazzo. Und mir scheint, ich bin der einzige Besucher darin.

Dann zu Leoncino Rosso. Wir essen keine Gänse sondern

Bigoli con patate e cavolfiore
Filetto di maiale con zucchine
Wasser
Espresso
25 Euro

Mantua passt sich an den Tourismus an (man könnte es Venedifikation nennen?). Entlang des Doms mit den uralten aneinander gereihten Plätzen gibt es keine Läden mehr für Mantuaner, sondern nur noch für Touristen. Auch Pavesi gibt es nicht mehr. In dem Laden, der heute darin ist, kann man zwar noch Sbrisolone kaufen, aber kein Brot mehr. Eine Straße weiter ist der Spuk, gottseidank, vorbei. Aber es ist passiert.

27 Januar 2026

Landpartie

Dienstag. Superwetter. Mit dem Leihwagen gen Osten durch die Poebene. Die italienischen Straßen schlimm wie immer. Die gewählte Lösung ist nicht, die Straßen zu reparieren (das versuchen sie seit 100 Jahren und haben wohl realisiert, dass sie es nicht schaffen) sondern überall Tempo 50 zu verhängen. Interessiert natürlich niemanden. Da überall Blitzer herumstehen und ich im Leihwagen nicht geblitzt werden möchte, forme ich eine Art fahrendes Verkehrshindernis. Da müssen die Italiener und die Italienierinnen durch. 

Erstes Ziel: Abbazia di Pomposa. Die Parkplätze sind nicht für Reisebusse sondern für Reisebuskohorten ausgelegt. Keiner da außer mir. In der Kirche werden einige Fresken restauriert für die Besucher im Sommer.

  

Weiter über die apokalyptische SS309 in Richtung Ravenna und dann Forli. In Forli ist es etwas traurig: Das 50er-Jahre-Hotel: zu. Das Kunstmuseum: zu. Immerhin hat die Trattoria Petito auf. Wir essen keine Gänse sondern:

Ravioli di brasato, crema di topinambur, fossa e radicchio tardivo
Polpette in umico (umido?) con carciofi e piselli
Flasche Wasser
Espresso
36 Euro 

So richtig begeistert bin ich nicht. Verdauungsspaziergang ohne Jacke bei 13 Grad am 27. Januar. Dann schnell nach Classe. Wieder: riesiger Parkplatz. Wieder: kein Mensch da, weder auf dem Parkplatz noch in der Kirche. 5 Euro und rein.


Der Güterverkehr wird in Italien mit Sattelschleppern abgewickelt, und diese fahren auf den Landstraßen weil die Autobahnen Maut kosten. In der Folge sind alle Landstraßen verstopft mit riesigen LKWs. Man fährt eigentlich immer nur LKWs hinterher. Überholen ist sinnlos, davor fährt der nächste LKW. Es ist eine Frage der Einstellung: Man fährt los in dem Wissen, die Reise mit 60 km/h hinter LKWs zu verbringen. Es geht nicht anders, man muss es akzeptieren. Dazu die italienische Unsitte, Umgehungsstraßen zu bauen ohne sie an das restliche Straßennetz anzubinden. Man kann es sich nur schwer vorstellen: Ich baue eine Straße, die aber keinen Anfang und kein Ende hat. Erst im Dunkeln wieder zurück in Ferrara. Käse, Wurst, Wein und ein Bier bei "Il Molo".

26 Januar 2026

Kaum in Ferrara, schon in Venedig

Montag. Für den Nachmittag ist Sonne angesagt. Also morgens zum Bahnhof (Wegzähler: 2) und dann mit dem Regionalexpress in eineinhalb Stunden nach Venedig, Ankunft pünktlich. Tritt man in Venedig aus dem Bahnhof ist man natürlich erst ergriffen ob des Canale Grande, dann abgelenkt und verwirrt von dem touristischen Chaos. Mein Weg führt mich nord-ostwärts über den Rio Tera Lista di Spagna, und das ist natürlich eine prime tourist ripoff area. Petra Reski schreibt darüber, es ist für eine Deutsche, die in Venedig lebt, natürlich ein Thema. Ein zweites für sie ist die politisch-finanzielle Korruption und der Ausverkauf Venedigs an alle außer die Venezianer. Sie ist mit einem verheiratet und lebt seit Jahrzehnten dort. Das Buch ist schön wütend, und sie praktiziert auch was sie predigt. Die Mischung aus Anekdoten, Kurzreportagen und Wutausbrüchen ist für mich etwas flach, aber unterhaltsam und wichtig ist das Buch doch.

Auf diesen ersten Metern in Venedig (für heute) sind nur Schrottläden an den Straßen. Es gibt nichts, was man bräuchte wenn man hier lebt (wenn man keine Leidenschaft für billigen chinesischen Schrott hat, aber wer hat das und lebt in Venedig?). Dazwischen Asiaten, Asiaten, Asiaten. Die Gondeln gondeln auch schon. Ich biege ab. 

Dramatischer könnte der Unterschied nicht sein. Einen guten halben Tag mache ich einen langen ruhigen Spaziergang durchs Viertel Cannaregio: Fondamente Savorgnan, Fondamente Case Nuove - hier stehen Parkbänke, auf denen venezianische Teenager schmusen - entlang Rio di San Girolamo, dann Rio della Sensa, dann Rio di Sant'Alvise. 


Reine Wohnviertel, keine Infrastruktur außer ganz gelegentlich einem Weinladen oder Cafe. Und kein Mensch unterwegs. Völlige Ruhe. Noch ist der Himmel bedeckt. In der Kirche Sant'Alvise den Tiepolo angesehen. Kirche leer und dunkel, spannende Architektur, kein Eintritt.

Weiter zu Madonna dell'Orto. Drei Tintorettos und sein Grabmal. Unter den Bildern ein Tempelgang Marias, wobei mir das Bild in der Akkademie besser gefällt. Kirche leer, kein Eintritt. Bezos hat hier letztens geheiratet, war aber gottseidank nicht da. 


Weiter zu Santa Maria Assunta ai Gesuiti. Hier kostet es Eintritt: 1 Euro. Die Kirche ist innen eingerüstet weil Restaurierung, aber die völlig irre Ausstattung von Altarraum und Chor ist frei. Und der Tizian links in der Ecke. Da freut sich der Keramiker, schön warm (der Hl. Lorenz wird sich weniger gefreut haben). Kirche leer, Vorplatz mit Cafe mit zwei Leuten draußen.

Ich überquere den Rio de Santa Catarina über die Ponte dei Gesuiti und mein Leben ändert sich schlagartig. Mit jeder Brücke in Richtung San Marco wird es übler. Das sind keine ruhigen Wohnviertel mehr, hier reiht sich Laden an Laden. Und wieder: Nur Schrott. Und es wird voll und voller. Voller Touristen. Einzig ein Gemüsehändler bietet Waren des täglichen Bedarfs an. Seine Auslagen werden von jungen Chinesinnen angefingert und photographiert. Vor dem Markusdom ist es voll nach Maßstäben für Januar, aber die Quote der Idioten ist immer gleich, auch wenn die absolute Menge geringer ist als im Sommer. In den Markusdom kommt man ohne Wartezeit auch Ende Januar. Ich war vor einem Jahr schon drin, diesmal spare ich mit die restliche Energie für eine lange (40 Minuten) Vaporettofahrt den Canale Grande hinauf. Der Himmel jetzt tiefblau, die Sonne um 16 Uhr eigentlich schon zu tief um die Fassaden im Sonnenlicht zu genießen. Funktioniert trotzdem.

 

Den kleinen Palazzo rechts auf dem letzten Bild kann man übrigens kaufen gerade. 20 Millionen Euro wollen sie haben. Das Gebäude soll aber Unglück bringen. Außerdem ist der Keller sicher feucht. 

Ein Bier und drei Chicetti in "H2NO", dann mit dem Regionalexpress zurück nach Ferrara, Ankunft sieben Minuten verspätet (was erlauben???). Kein Bier im "Il Molo" weil montags zu. Wegzähler Bahnhof-Stadt: 3.


25 Januar 2026

The People United Will Never Be Defeated

Sonntag. Los geht es mit Kultur. Im Ridotto des Theaters von Ferrara läuft das Programm "Il pianoforte contemporaneo". Es spielt Emanuele Arciuli Musik von Haydn und Rzewski. Vor den Fenstern mit Bliuck auf das Kastell weht die italienische Flagge.

Die erste Überraschung: Der Pianist betritt den Saal, freut sich über den Applaus, setzt sich an den Steinway und spielt. Das kennt man so nicht Italien. Das Publikum muss eigentlich erst belehrt werden in länglicher Rede. Hier nicht. Bravo!

Von Haydn werden die Variationen in F-Moll gegeben, komponiert zum Tode seiner Freundin Maria Anna von Genzinger. Hier braucht es flinke Finger, und Arciuli enttäuscht nicht. Nach zehn Minuten ist der Spaß vorbei.

Von Rzewski spielt er anschließend "The People United Will Never Be Defeated". Das ist kein Klavierstück, das ist Kampf. Darum geht es ja auch. Das Stück ist anspruchsvoll, für Publikum und erst recht den Pianisten. Das muss man wollen. Und dann macht es Spaß. Dem Publikum und dem Pianisten. Und es macht hier Spaß. Eine Stunde später endet es unentschieden. Der Kampf draußen ist ebenfalls bestenfalls unentschieden. Nicht zufällig ist meine Reiselektüre "Rules for Radicals" von Alinsky.

Und was spielt man nach solch einem Monster als Zugabe? Klar:

Ein Stück Pizza bei MORSO zu Mittag. Einkaufen. Blog. Wein. Käse. Ein Bier bei "Il Molo" natürlich auch.

24 Januar 2026

Später Erfolg

Samstag. Morgens um halb 10 fährt wieder ein Zug von München nach Italien. Zwar geht meine Fahrkarte nach Padua und der Zug nach Bologna, aber auf solche Details wird keine Rücksicht genommen. Pünktlich geht es mit dem Railjet vom Münchener Ostbahnhof los. Die 1. Klasse dünn besetzt. Draußen oben den ganzen Tag Nebel, unten erst grau-grün (in München), dann weiß (ab Rosenheim), und am Brenner schneit es. Aber Berge sind da nicht (zu sehen). Eine Reise durch die Niederlande wäre kaum weniger langweilig.

Die Lokomotive muss sich oben am Brenner ein wenig erholen. Dazu die Durchsage des österreichischen Zugbegleiter-Komikers (in Österreich sind alle Komiker): "Hier haben wir einen kurzen Aufenthalt, und dann fahren wir weiter." Schon eine halbe Stunde später auf der Brenner-Südseite liegt kein Schnee mehr. In Mezzocorona, welche Ironie, ist der Spaß zu Ende. 

Streckensperrung. Jetzt kann man philosophieren, wo man lieber im Zug wegen einer Streckensperrung rumsteht, in Neustadt/Aisch (gestern) oder in Mezzocorona (heute). Bringt aber auch nicht weiter. Eine gute dreiviertel Stunde später fahren wir immerhin bis Rovereto und dann weiter nach Verona. Die am Brenner wieder erholte Lokomotive fühlt sich nicht in der Lage, die Seiten (des Zuges) rasch zu wechseln, also hat der Zug in Bologna dann 60 Minuten Verspätung. Der Zug nach Ferrara am Bahnsteig gegenüber fährt ab als wir einfahren. Egal, zwanzig Minuten später fährt der nächste.

Und?

Und?

Und?

Gut 24 Stunden nach Plan erreichen wir den Hof mit Müh und Not. Tot ist (meines Wissens) niemand. Bei kühlem Wetter unternehmen die Italiener (und innen) die samstägliche Passegiata. Ich beziehe meine Wohnung, kaufe ein und schütte mir bei IL MOLO ein leckeres Craftbier ein. Der Laden ist ein Wunder. Es kann losgehen.

23 Januar 2026

Frühjahrserwachen - oder von Plan und Realität

Freitag. Nach zwei Monaten ohne Italien sollte es wieder nach Ferrara gehen. Ich bin alt, da ist jeder Tag wertvoll - also versuchen wir es mal in einem Stück mit der Bahn. Der Plan war recht einfach:

Die Realität schlug bei Neustadt/Aisch zu. 

Wenigstens passt das Wetter in München, wo wir nun etwas bleiben werden. Jedenfalls bis morgen früh, wenn wieder ein Zug nach Italien fährt.

Und was nun? Na ja, wie immer. 

Mit den gleichen Folgen.  

27 November 2025

Von Ferrara nach München

Rückreise. Morgens großes Einkaufsprogramm: frische Nudeln, Käse, Wurst und was man sonst so noch braucht, wenn man nicht in Ferrara ist. Das Wetter so, wie das Wetter Ende November hier halt ist. Darum bin ich hier.

Die Zugfahrt geht zunächst mittags von Ferrara nach Bologna mit dem Regionalexpress (kein Problem), dann von Bologna mit dem ÖBB Railjet über den Brenner nach München. Abfahrt pünktlich, in Verona dann naja pünktlich. Zufahrt zum Brenner bei untergehender Sonne, die Täler liegen schon im Schatten. Am Brenner nicht mehr besonders pünktlich, in Salzburg dann so gar nicht pünktlich und in München dann schließlich enorm verspätet. Es ist fast 22 Uhr als ich mich zum Heidhausener Augustiner rette auf das Bier zur Nacht.