Montag. Für den Nachmittag ist Sonne angesagt. Also morgens zum Bahnhof (Wegzähler: 2) und dann mit dem Regionalexpress in eineinhalb Stunden nach Venedig, Ankunft pünktlich. Tritt man in Venedig aus dem Bahnhof ist man natürlich erst ergriffen ob des Canale Grande, dann abgelenkt und verwirrt von dem touristischen Chaos. Mein Weg führt mich nord-ostwärts über den Rio Tera Lista di Spagna, und das ist natürlich eine prime tourist ripoff area. Petra Reski schreibt darüber, es ist für eine Deutsche, die in Venedig lebt, natürlich ein Thema. Ein zweites für sie ist die politisch-finanzielle Korruption und der Ausverkauf Venedigs an alle außer die Venezianer. Sie ist mit einem verheiratet und lebt seit Jahrzehnten dort. Das Buch ist schön wütend, und sie praktiziert auch was sie predigt. Die Mischung aus Anekdoten, Kurzreportagen und Wutausbrüchen ist für mich etwas flach, aber unterhaltsam und wichtig ist das Buch doch.
Auf diesen ersten Metern in Venedig (für heute) sind nur Schrottläden an den Straßen. Es gibt nichts, was man bräuchte wenn man hier lebt (wenn man keine Leidenschaft für billigen chinesischen Schrott hat, aber wer hat das und lebt in Venedig?). Dazwischen Asiaten, Asiaten, Asiaten. Die Gondeln gondeln auch schon. Ich biege ab.
Dramatischer könnte der Unterschied nicht sein. Einen guten halben Tag mache ich einen langen ruhigen Spaziergang durchs Viertel Cannaregio: Fondamente Savorgnan, Fondamente Case Nuove - hier stehen Parkbänke, auf denen venezianische Teenager schmusen - entlang Rio di San Girolamo, dann Rio della Sensa, dann Rio di Sant'Alvise.
Reine Wohnviertel, keine Infrastruktur außer ganz gelegentlich einem Weinladen oder Cafe. Und kein Mensch unterwegs. Völlige Ruhe. Noch ist der Himmel bedeckt. In der Kirche Sant'Alvise den Tiepolo angesehen. Kirche leer und dunkel, spannende Architektur, kein Eintritt.
Weiter zu Madonna dell'Orto. Drei Tintorettos und sein Grabmal. Unter
den Bildern ein Tempelgang Marias, wobei mir das Bild in der Akkademie
besser gefällt. Kirche leer, kein Eintritt. Bezos hat hier letztens
geheiratet, war aber gottseidank nicht da.
Weiter zu Santa Maria Assunta ai Gesuiti. Hier kostet es Eintritt: 1 Euro. Die Kirche ist innen eingerüstet weil Restaurierung, aber die völlig irre Ausstattung von Altarraum und Chor ist frei. Und der Tizian links in der Ecke. Da freut sich der Keramiker, schön warm (der Hl. Lorenz wird sich weniger gefreut haben). Kirche leer, Vorplatz mit Cafe mit zwei Leuten draußen.

Ich überquere den Rio de Santa Catarina über die Ponte dei Gesuiti und mein Leben ändert sich schlagartig. Mit jeder Brücke in Richtung San Marco wird es übler. Das sind keine ruhigen Wohnviertel mehr, hier reiht sich Laden an Laden. Und wieder: Nur Schrott. Und es wird voll und voller. Voller Touristen. Einzig ein Gemüsehändler bietet Waren des täglichen Bedarfs an. Seine Auslagen werden von jungen Chinesinnen angefingert und photographiert. Vor dem Markusdom ist es voll nach Maßstäben für Januar, aber die Quote der Idioten ist immer gleich, auch wenn die absolute Menge geringer ist als im Sommer. In den Markusdom kommt man ohne Wartezeit auch Ende Januar. Ich war vor einem Jahr schon drin, diesmal spare ich mit die restliche Energie für eine lange (40 Minuten) Vaporettofahrt den Canale Grande hinauf. Der Himmel jetzt tiefblau, die Sonne um 16 Uhr eigentlich schon zu tief um die Fassaden im Sonnenlicht zu genießen. Funktioniert trotzdem.



Den kleinen Palazzo rechts auf dem letzten Bild kann man übrigens kaufen gerade. 20 Millionen Euro wollen sie haben. Das Gebäude soll aber Unglück bringen. Außerdem ist der Keller sicher feucht.
Ein Bier und drei Chicetti in "H2NO", dann mit dem Regionalexpress zurück nach Ferrara, Ankunft sieben Minuten verspätet (was erlauben???). Kein Bier im "Il Molo" weil montags zu. Wegzähler Bahnhof-Stadt: 3.