Bis zum Abendessen ein Bier und gelesen. Abends zunächst eine sehr aufwendige Brot-Kartoffel-Gemüse-Suppe (eher ein Eintopf), an dem die signora seit zwei Uhr mittags gekocht hat. Der Rest der grossen Schüssel wird morgen als Auflauf weiterverwendet. Dann Fisch mit überbackenen halbierten Zwiebeln. Zum Nachtisch ein Stück Kuchen vom Dienstag. Gespräch über den morgigen Feiertag (Allerheiligen) driftet in Richtung Religion und dann zur Integration von Zuwanderern. Die Familie hat lustige Erfahrungen mit einem bekloppten Polen gemacht, der als Aushilfe vor einigen Jahren im Sommer hier gearbeitet hat. Seitdem nehmen sie keine Aushilfen mehr. In der Diskussion über Assimilation oder Integration nehmen beide die Position der Integration ein. Dennoch haben sie grosse Schwierigkeiten mit dem Verhalten der "musilmane" oder, ganz besonders, der "arabi". Natürlich sind beide katholisch. Ein dem deutschen "Kruzifix"-Urteil ähnliches Urteil gab es auch in Italien, allerdings sind die Wogen des Protestes hier höher geschlagen. Am kommenden Dienstag ist ebenfalls ein Feiertag, der 4. November, Italiens Einheitstag. Dort feiert man die Rückeroberung einiger italienischer Provinzen von Deutschland im Jahre 1918. Ist kein offizieller Feiertag, d.h. die Geschäfte haben offen. In San Giovanni und in Castelfranco dazu (wie überall) Gottesdienst und Parade der Veteranen. Der Vater des signore hat dort auch gekämpft. Gegen 22 Uhr zurück, noch etwas gelesen, dann ins Bett. Da draussen wärmer und Heizung an gut geschlafen.
Weil ich bei ihrem Anblick gefühlt hatte, daß Arbeit und Hingabe eines Menschen nicht wertlos sind. (Hermann Hesse)
A man who has not been in Italy is always conscious of an inferiority. (Samuel Johnson)
Le femmine d'Italia / Son disinvolte e scaltre. /
E sanno più dell'altre / L'arte di farsi amar. (Haly)
UN POPOLO DI POETI DI ARTISTI DI EROI
DI SANTI DI PENSATORI DI SCIENZIATI
DI NAVIGATORI DI TRASMIGRATORI
31 Oktober 2003
La mosca che mi ama molto
30 Oktober 2003
Il tempo ventoso
Draussen jetzt teilweise wolkenlos mit schönem Mond. Abends bei einem Glas Wein gelesen bis 22:30 (Gaddis fertig). Als ich im Bett liege draussen wieder Regen. Gut geschlafen.
29 Oktober 2003
Hochzeitstag
28 Oktober 2003
Party voller Spinner
Von dort über Castellina in Chianti Richtung Siena, vorher aber westwärts nach Volterra.
Westlich der Achse Florenz-Siena verändern sich sowohl die Landschaft als auch die, die dort weilen. Die grüne, hügelige Gegend verwandelt sich in wenig bewaldete, intensiv bewirtschaftete Ackerflächen. Da Ende Oktober liegen diese brach und die Landschaft ist braun. Plötzlich viel mehr Touristen unterwegs, auch in Wohnwagen. Hauptsächlich Deutsche, dann Franzosen, jeweils ein Engländer, Belgier und Holländer. In Volterra gegen Mittag angekommen. Auf den bergigen, kurvigen Strassen läßt sich ein Schnitt von etwa 50 km/h erreichen. In Volterra Stadtbummel und an einem Cafe am Markt ein Panino mit Pecorino-Käse und einen Cappuccino. Jüngerer Barbesitzer, sehr schweigsam und introvertiert, auch gegenüber seiner kleinen Tochter. Touristen trinken Cappuccino, Italiener Espresso.
Hübsche Stadt, deutlich auf Touristen orientiert (SPIEGEL gekauft). Eine der Hauptattraktionen ist der Alabaster, der bei Volterra gebrochen wird und der in jeder noch so kitschigen Form (kleine Engelchen sind sehr beliebt) an die Idioten verramscht wird. Am Marktplatz ein Verkaufsgeschäft einer "Kooperative der Alabasterkünstler Volterras" oder so ähnlich. Ein grosses, helles Ladengeschäft, das meine Aufmerksamkeit auf sich zieht wegen einer im Fenster ausgestellten Schale. Sie ist natürlich auch aus milchigem Alabaster, enthält aber grosse eingesetzte Stücke aus farbigen Steinen. Effektvoll von unten beleuchtet, chargieren diese Stücke ihre Farbe je nach Beleuchtung. Ein überaus schönes Stück, das aus dem Ramsch merkwürdig hervorsteht. Kein Mensch interessiert sich dafür. Die gelangweilte Bedienung dreht auf meinen Wunsch die Schale um und liest die Zahl "324" ab. Leider habe ich meine Kreditkarte im Haus gelassen. Leise fluchend ziehe ich meiner Wege. Weiter gegen 14 Uhr auf kleinen Landstrassen Richtung San Gimignano. In dieser Gegend sehr viel Tourismus. Vor der Stadt an einer kleinen Einfahrt zu einem Stück Feld angehalten und ein Photo von den Türmen gemacht. Selbst dort ist im hohen Gras der Pfad zu einer guten Photostelle schon von tausend Füssen vor mir ausgetrampelt. Das Photo wird also auch keinen besonderen Seltenheitswert haben.
In San Gimignano soll ich für einen Parkplatz bezahlen, da stelle ich das Auto lieber an einen Abhang und hoffe, daß es noch da ist wenn ich wiederkomme. Aufstieg in die Stadt über eine Treppe am Hang. In der Stadt alles Fußgängerzone und viele Touristen. Sehr hübsch gemacht aber überlaufen. Vorherrschende Sprache ist Deutsch. Von unten verlieren die Geschlechtertürme ihre Ausstrahlung etwas, da immer nur wenige oder einer gleichzeitig zu sehen sind. Insgesamt mit Geschmack erhaltenes Städtchen. An einem Brunnen sitzt ein junger Mann und spielt Jazzstücke auf seiner Gitarre. Kinder stehen staunend um ihn rum. Man kann sie nicht früh genug an die richtige Musik gewöhnen. Ich setze mich ein paar Minuten auf die Treppe vor dem Dom und schaue mir die Piazza an. Dann weiter Richtung Siena in beginnendem Regen, von dort die Abkürzung über Castellina nach Montevarchi. In Castellina in Chianti kurz Halt gemacht, weil mir die Gegend bekannt vorkam. Kurzer Spaziergang durch die verlassene Stadt im Nieselregen. Auch hier war ich 1992 schonmal, wir hatten in einer noch nicht fertig ausgebauten Ferienwohnung unterhalb der Stadt unsere Zelte aufgeschlagen. Beim LIDL in Montevarchi nochmal 90 Liter Pflanzenöl gebunkert, darunter ein Karton Erdnussöl, eine besondere Spezialität, die ich mir für den nächsten Sommer aufbewahren werde. Kurz das Auto untenrum saubergemacht. Abends ist eine Schwester des signore aus Castelfranco zu Besuch. Abendessen also zu Viert. Zunächst Spaghetti Aglio e Olio con Pepperocini. Meine Gastgeber sind verwundert, daß ein Deutscher Spaghetti nur mit der Gabel essen kann. Anschliessend ein gutes Gulasch, dazu kalter Spinat in Olivenöl und Brot. Anschliessend ein Stück lockerer aber trockener Nuss-Schokoladen-Kuchen, wie er traditionell in Italien bei Hochzeiten gegessen wird. Einfache Konversation. An der Stelle des Hauses, in dem ich wohne, gehen Fundamente bis ins Jahr 1000 zurück. In meiner Wohnung mit dem grossen Kamin ist der signore zur Welt gekommen. Er hat das grosse Haus schon "als Jüngling", also vor vielen Jahren, zu Ferienwohnungen umgebaut. Unterhaltung über Hersteller von Stoffen in der Region Arezzo (gibt einen guten Laden in Arezzo). Familiengeschichten, darunter der Gedanke an spätere Lebensplanung. La signora besitzt noch eine komplett eingerichtete grosse Wohnung in Castelfranco, will dort aber nicht leben, sollte sich die Situation in ihrem Anwesen verändern. Schon vor 9 Uhr zurück ins Haus. Dort noch ein Glas Wein getrunken und bis gegen 12 Uhr gelesen (Seite 800-irgendwas, darunter die hundertseitige Schilderung einer Party voller Spinner).
27 Oktober 2003
Bier statt Wein
Nebelig und kalt. Nachts wach weil kalt. Vermutlich verträgt mein Kreislauf Bier statt Wein nicht mehr.
26 Oktober 2003
Erdwärme
Ziemlich anstrengende Tour ohne wirkliche Höhepunkte, das muß nicht wiederholt werden. Die Gegend östlich und nordöstlich des Bergzuges östlich des Arnos hat mit der Toskana nichts mehr zu tun, gebirgig und dicht bewaldet. Dann zum Abendessen mit Röhrennudeln in Tomaten-Sahnesauce, wiederum sehr zur Freude des signore. Dann Schnitzel mit Salat (hatten wir schon mal) und ein Stück flachen Obstkuchens, typisch toskanisch mit den für diese Zeit passenden Blaubeeren (oder waren es Heidelbeeren?). Ich werde wie immer genötigt, mehr zu essen als ich sollte. Die Küche der signora ebenso hervorragend. Das Feuerwerk am gestrigen Abend in Castelfranco galt den zu Besuch weilenden Gästen einer Städtepartnerschaft aus Frankreich. La signora hält sich da raus, es würde für sie sowieso nur bedeuten, Gäste unterzubringen, und das macht sie schon das ganze Jahr über. Die Anlage hat, wie jedes Haus in "La Lama", keine Wasserversorgung sondern einen eigenen Brunnen. Das Wasser wird regelmässig chemisch und bakteriologisch untersucht und ist, so il signore, "ein Glücksfall" für das Haus. Diskussion über den Wunsch, "La Casella" so autark wie möglich zu machen. La signora hat im Fernsehen einen Bericht über Erdwäremnutzung gesehen. Da ihr Gesicht noch einige Fragezeichen enthält, erkläre ich das System grob. Gefällt beiden sehr, nur schätze ich den Preis für eine solche Anlage auf ca. 100.000 Euro. Dafür fallen keine laufenden Kosten mehr an. Gefällt ihnen immer noch und sie fordern mich auf, als Ingenieur sowas in Italien zu verkaufen. Meines Wissens gibt es in Deutschland Pilotanlagen. Solarenergie ist ebenfalls interessant, aber nicht ständig verfügbar und ausserdem empfindet la signora die Solarpanele als nicht ästhetisch. Spät zurück gegen 22:30 Uhr, dann noch etwas gelesen. Im Gaddis Seite 518 erreicht.
25 Oktober 2003
Zeitumstellung
Habe kein Müsli mehr, also heute wieder eingetütete Croissants mit Marmelade. Nach dem Frühstück samstägliches Ausspannen mit Lesen bis mittags. Nachdem sich der Nebel im Tal verzogen hat mache ich mich gegen 13 Uhr auf den Weg nach Figline Valdarno (zu teuer tanken an Automatentankstelle, um das Pflanzenöl ob der niedrigen Temperaturen etwas zu verdünnen).
Dann zum Supermarkt in Figline Valdarno, wo die Hölle los ist. Alle kaufen für das Wochenende ein. Ich erstehe zwei Tüten Müsli und zwei Flaschen Bier. An der Kasse verhalten sich die Italiener anders als im Strassenverkehr, bezahlen tut keine Not, immer langsam. Erstmal mit den Leuten an den anderen Kassen quatschen. Natürlich erwische ich einen Kassiererinnenwechsel, natürlich hat die neue dicke Kassiererin den richtigen Schlüssel nicht dabei. Währenddessen parkt mein Auto quer auf der Strasse, aber es stört keinen. Dann zunächst auf der Hauptverbindungsstrasse Richtung Greve, vorher jedoch südlich ab Richtung Lucolena (Strassenkategorie 3), dann westlich Richtung Cannonica/Greve (Strassenkategorie 2) auf Sandpiste. Abstecher zum Monte S. Michele (Strassenkategorie 2, also Sandpiste).
Die weitere Strasse der Kategorie 1 führt als Trampelpfad durch den Wald und verbietet sich für einen Mercedes. Zurück und weiter über die Sandpiste Richtung Greve. Von dort über die Hauptstrasse Richtung Siena bis Panzano, dann östlich auf Sandpisten Richtung Volpaia. Dieses ein winziges Kaff, aber mit touristischem Einschlag. Hier treffe ich auf viele Wanderer. Im Wald entweder pilzesuchende Italiener oder Jäger mit Hunden. Touristisch stark erschlossene Gegend, überall Wegweiser zu Fattorien oder Pensionen. Die Hinweisschilder an der Strasse sind zunächst deutsch, dann englisch, dann italienisch (Wein und Öl). Vor Villa Richtung Nordosten über Bugialla und Albola, dann Massa zurück nach San Giovanni Valdarno. Fahrzeit insgesamt etwa vier Stunden. Abends noch ein bisschen gelesen, dann zum Abendessen (muschenförmige Nudeln mit sehr weich gekochtem Blumenkohl in Öl und mit viel Knoblauch, dann kleingehacktes Gemüse zu Röllchen geformt und dünne panierte Kalbsschnitzel, dann ein Stück flachen harten "Fladen" mit Marmelade gefüllt). Dazu Unterhaltung über Berlusconi und seine norditalienischen Freunde. Berlusconi hat sich mit Hilfe von Sizilien an die Macht gekauft, weil dort die Mafia dafür gesorgt hat, dass alle ihn wählen. Zustimmungsrate für ihn in der Toskana wird auf 50/50 geschätzt. Meine Gastgeber haben erkennbar nichts für ihn über. Betrachtungen über gesellschaftspolitische Probleme (in Italien und in Deutschland gleich: zunächst Arbeitslosigkeit, dann Gesellschaftsversicherungen). Il signore bezieht eine Rente von etwa 500 Euro monatlich. Dann Übergang zu der Abgeschiedenheit der Ferienwohnung hier. Mich überrascht immer wieder die Ruhe, wenn ich aus der Tür trete. La signora glaubt das gerne, es geht ihr aber auch ein wenig auf den Geist weil sie, Italienierin die sie ist, Trubel um sich braucht. Ich bemerkt überrascht, daß ich in einer Stadt mit 600TAUSEND Einwohnern lebe. Hier an der Strasse wohnen vielleicht 20. La signora hat Rückenschmerzen. Gegen 9 Uhr zurück in die Wohnung und noch gelesen bis 23 Uhr. Nachts wieder kalt, aber Heizung läuft durch. Um Mitternacht Feuerwerk in Castelfranco, was toll zu sehen ist, da das Dorf ausgebreitet vor meiner Veranda liegt. Zeitumstellung.
24 Oktober 2003
I gatti strani
Die Runde führt mich gegen 18 Uhr zurück nach Montevarchi, wo mittlerweile die Flaniermeile bevölkert ist. Die Geschäfte sind alle offen und das junge Stadtvolk kauft ein. Schöne Läden mit viel Mühe gestaltet, viel Mode und Inneneinrichtung. Die männliche Jugend stürmt einen Laden für Computerspiele. Auch relativ viele Take-Away-Imbissläden (Pizza etc). Ich fahre zum mittags geschlossenen Supermarkt, um endlich die Pizza zu kaufen. Supermarkt noch immer geschlossen. Also etwas unglücklich ob des bevorstehenden Hungers (hatte mittags für das Abendessen abgesagt) Richtung San Giovanni nach Hause. In San Giovanni grosser Supermarkt, auch zu. Im Zentrum aber ein kleiner Pizzaladen. Dort kann man keine Pizza von der Karte bestellen sondern nimmt, was leckeres in der Auslage eben ausliegt. Zwei Stücke (Funghi und Tomate/Mozarella) zum Mitnehmen eingepackt und zurück nach Hause.
Auf dem Weg strahlt die im Westen untergehende Sonne die östlich des Arnotals liegende Bergkette, in der auch die Ferienwohnung liegt, dunkelbraun-violett an. Muss ich unbedingt morgen mal photographieren (gegen 18:10 Uhr). Beschleunigter Ritt nach Hause, um den Sonnenuntergang hinter der Bergkette westlich des Arnotals noch zu sehen. Leider einige Minuten zu spät. Abendessen in der Wohnung, wobei ich lesenderweise ein Pizzastück verschmurgele und die Wohnung in Rauch hülle. Dazu eine "Birra Italiana Peroni" in der säuferfreundlichen 0,66-Liter-Flasche (süsslicher Geschmack, kein Hopfen, kein Malz, macht schiggerig, 3/10 Punkte). Selbst das in Montevarchi mitgenommene kostenlose Anzeigenblättchen (Mercedes-Oldtimer!) ist in Plastik eingeschweißt, typisch italienisch. Bis 22:30 Uhr an Gaddis gelesen, dann ins Bett. Wolkenloser Nachthimmel.
23 Oktober 2003
Il panino caro
Innerhalb des Stadtkerns sehr viele Touristen und die entsprechenden Läden dazu. Eine Einkaufsstrasse verläuft vom Zentrum Richtung Stadtrand (Fussgängerzone), dort ist man schnell nur noch unter Italienern. Sie und die Touristen, selbst die jüngeren, lassen sich äusserlich deutlich unterscheiden. Eine deutsche Familie bereitet sich mit den Worten "Fragen wir den doch mal" vor und wendet sich auf Italienisch wegen einer Kirche an mich. Ich antworte ihnen ehrlich ebenso auf Italienisch (keine Ahnung). Internet-Cafe gefunden, dort kurz eMails abgefragt. Mitteilung aus Aachen, dass sich Anreise von Vater um einen Tag verschiebt. Als die Computerzeit um ist habe ich das Datum schon wieder vergessen. Nachmittags dann von Siena aus in Richtung Montevarchi über eine sehr schöne, trockene, verwinkelte Strasse ohne viel Verkehr. Verfolge dabei lange ein sehr engagiert gefahrenes Vespa-Dreirad. Dass die Motoren sowas überhaupt aushalten! In Montevarchi bei LIDL 45 Liter Pflanzenöl für 0,65 pro Flasche gekauft und ein paar Liter in den Tank gefüllt. Niedliche, aber überaus gestresste Kassiererin. Im Dunkeln zurück gegen 19:15 Uhr. Die signora ist von ihren Rückentabletten etwas angehauen. Es gibt als Vorspeise muschelförmige Nudeln in einer Öl-Tomaten-Sauce, dann dünne dunkle Rindfleischscheiben in Olivenöl und kalten Spinat. Ich werde sehr bedrängt, massenweise davon zu essen, es schmeckt aber auch sehr gut. Zum Nachtisch eine kleine Schale Eis, zu der il signore Zitronenschnaps verlangt. Erzählung über den Stand der Dinge in Siena. Il signore kann nachvollziehen, dass die Touristen mich nach dem Weg gefragt haben, er hätte mich auch zunächst für einen Italiener gehalten (bis ich den Mund aufmache). Ich erzähle ein bisschen von der Italien-Deutschland-Ausstellung im Ruhrgebiet über Gastarbeiter und Ferienreisende in den 60ern.
Erzählung über englische Gäste, die tagsüber nichts als Bier und abends nichts als Wein darauf getrunken hätten und andere Engländer, die beim Anblick einer deutschen Familie ihre Reiseagentur angerufen hätten, um sofort die Reise zu beenden. Dann genaue Aufklärung darüber, wann man in Italien einen Cappuccino trinken darf. Da er mit Milch gemacht wird, ersetzt er sozusagen ein Essen. D.h. kleines Frühstück mit einem Hörnchen und dazu einen Cappuccino ja. Wenn keine Zeit zum Mittagessen ein Panino und dazu einen Cappuccino ja. Abends ginge es auch. Aber nach einem ausführlichen Essen, egal ob mittags oder abends, nehmen die Italiener "tutti alcoholi" (es geht also alles) oder Kaffee oder Espresso, aber niemals etwas mit Milch. Nachmittags ist ein Agent des deutschen "Mercedes"-Magazins bei der signora aufgetaucht und wollte für eine Beilage in seinem Magazin einen Kurzbericht über die Wohnanlage anbieten. Abgelehnt, weil sie Probleme mit Direktkontakt zu Kunden hat (wollen am Telefon in deutsch über den Preis verhandeln) und weil der Agent 2500 Euro für die Erwähnung haben wollte. Diskussion unter uns über die typischen Leser der Zeitung (ich sicher nicht, obwohl ich sie auch bekomme). Zurück ins Haus gegen 21:45 Uhr, dann mutig die ersten 32 Seiten (immerhin 2,6 Prozent!) von Gaddis angegangen. Eingeschlafen gegen 23 Uhr. Nachts warm und nicht verwickelte Decke, deshalb nicht nachts wach sondern schon um 7:30 aufgewacht.
22 Oktober 2003
Vino per un mondo piu roseo

Während ich den Cappuccino trinke kommt ein älterer Italiener aus dem Fernsehzimmer der Bar und bestellt einen Rotwein. Er kriegt ein Glas, das er in einem Zug austrinkt. Dafür muss er 50 Cent bezahlen, was der junge Kellner der übrigen Kundschaft sehr deutlich macht. Das sind noch Preise! Die Supermärkte sind tatsächlich alle zu, inklusive dem LIDL auf der Jagd nach Pflanzenöl. Zweiter Versuch in Loro Ciuffenna, einer kleinen sehr verwinkelten Stadt an einem Berghang. Dort hat zwar das "Caffe Centrale" auf, ist aber kein Internet-Cafe mehr. Italiener scheinen nicht viel Wert auf Aktualität ihrer Listen zu legen. In der Nähe sind dann noch zwei Internet-Cafes in Greve und zwei in Siena, die es vermutlich auch nicht gibt. Insgesamt also erfolgloser Nachmittag. Leichte Kopfschmerzen. Zurück gegen 15:30 Uhr, dann Arbeit an der Arbeit. Insgesamt unzufrieden mit dem Fortschitt. Abends wieder zur Familie, die Schwiegertochter kommt hinzu und läßt sich mühsam überreden, auch eine Kleinigkeit mit zu essen. Sie arbeitet in einem Klamottenladen oder einer Kleiderfabrik in Montevarchi, kennt aber die "Union Bar" auch nicht. Als Vorspeise serviert die etwas gestresste signora, die nicht ganz auf dem Damm zu sein scheint, ein sehr gutes Risotto, was besonders ihrem Mann überaus gefällt. Wegen des trockenen Jahres leider keine selbstgesuchten Pilze im Risotto. Danach paniertes Geflügel in kleinen Stücken mit gerollten Gemüse"rouladen" in Tomatenmark gebacken. Anschließend die Überreste des Kuchens, den Freunde von Sohn und Schwiegertocher am Vorabend zum Fernsehgucken mitgebracht haben. Dazu wie immer leckerer Rotwein. Die signora kocht sehr gut und behauptet, dabei nur ökologische Zutaten zu verwenden. Sie und ihr Mann sind was essen angeht verwöhnt und erzählen von seinem letzten Geburtstag, zu dem sie mit Sohn und Schwiegertochter einen Tisch in einem besonders guten Restaurant in der Nähe gebucht hatten. Sie hätten alle vier nichts von dem essen wollen, was sie serviert bekamen. Ein früher Rückzug schien mir heute angebracht, daher schon gegen 9 Uhr die paar Schritte zurück bei leichtem Regen. Noch etwas gelesen und gegen 10 Uhr ins Bett. Zur Vorbereitung zu Gaddis "Fälschung der Welt" zwei Rezensionen gelesen, Buch dann doch zu dick um noch anzufangen.

Nachts wach weil Kopfschmerzen und allgemein etwas unklares Befinden und trockener Hals, da ich die Heizung durchlaufen lassen muss. Ich komme mit den italienischen Bettdecken nicht zurecht, die aus einer Wolldecke mit lose darumgeschlagenem Bettbezug bestehen und die ich nachts in Teile zerlege und in alle Richtungen zerstreue. Irgendwann wache ich dann mit der Wolldecke im Gesicht auf und muß nießen.














