22 Januar 2025

Ravenna

Mittwoch. In Ferrara bedecktes Wetter. Zuerst zum Espresso und dann zum Bahnhof. In dem Cafe in der Via Mazzini bin ich mittlerweile aufgestiegen vom signore zum dottore. Wenn die wüssten!

Der Weg vom Zentrum zum Bahnhof in Ferrara ist so etwa 25 Minuten lang und nicht besonders erinnernswert. Er führt durch ein Wohngebiet und dann am Fußballstadion entlang, dann vorbei an den üblichen halbseidenen Geschäften die sich halt an Bahnhöfen so ansammeln. Obwohl ich da schon bestimmt zwei Dutzend mal langgelaufen bin wird es mir doch nicht langweilig und die Zeit vergeht mir immer rasch. Es ist halt anders, interessant.

Von Ferrara gibt es eine weitestgehend eingleisige direkte Eisenbahnverbindung nach Ravenna, die vom Regionalverkehr bedient wird. In modernen elektrischen Triebwagen durch die Po-Ebene. Ziemlich nebelig. Ankunft gegen Mittag in Ravenna pünktlich.

Für Ravenna kann man sich im Internet ein Billet für die wichtigsten Kirchen kaufen, aber bei einsetzendem Regen ist sowieso außer mir niemand da. Vom Bahnhof aus zuerst zu S. Apollinare Nuovo. Wir springen mal eben 1000 Jahre zurück von dem anderen Kunstkram in Norditalien und sind im Jahr 560!


Der Weg von dort ins Stadtzentrum zeigt die übliche Regsamkeit, Schulen, Geschäfte, Büros und so weiter. Im Stadtzentrum gibt es eine alte Markthalle (mercato coperto), die immerhin versucht einen Marktbetrieb zu simulieren aber doch im Wesentlichen im Sommer von Touristen genutzt wird. Es gibt einen in die Halle frei eingebauten, ganz normalen Supermarkt und mehrere Restaurants und Cafes, alle vom gleichen Betreiber. Aber sie ist belebt, auch an einem regnerischen Tag Mitte Januar, und es ist Mittagszeit. Wir essen keine Gänse sondern:

Baccalà mantecato all’olio di Brisighella, composta di cipolla all’aceto balsamico e chips di polenta (wird serviert als Mousse mit gerösteten Stücken von Polenta)
Cappelletti in brodo di cappone
Glas Wein
Flasche Wasser
recht viele Euro

Cappelletti sind dicke Spaghetti die sehr weich gekocht werden und eine wunderbare Suppeneinlage abgeben. Und endlich, endlich die Kapaunbrühe auf die ich mich so gefreut habe. Serviert wird eine recht große Schüssel Suppe, aus der am Tisch vom Kellner der erste Suppenteller geschöpft wird und dann lässt man mich mit Schüssel und Teller alleine. Es ist für zwei weitere Teller Suppe und Nudeln in der Schüssel, und die salzige und gehaltvolle Kapaunbrühe ist ziemlich, nun, gehaltvoll. Das ist schon ein ordentlicher Kracher.

Danach bei nicht wirklich schönem Wetter weiter zu den nächsten Mosaiken. Die Innenstadt von Ravenna sieht ziemlich verwahrlost aus. Hier ist vermutlich im Sommer viel viel los und die Stadt, nicht besonders groß, hat sich auf die Touristen eingestellt. Sind die nicht da, bleibt nicht viel. Abseits der Fußgängerzone ist es geradezu abgewrackt. Wir gehen zu S. Vitale. Keiner davor, keine Schlange, kaum jemand drin.


Dass das Ding ein Kracher ist brauche ich nicht zu schreiben. Da es aber so angenehm leer ist kann man sich länger aufhalten und ein paar Perspektiven ausprobieren. Neben den irren Mosaiken ist auch die Bemalung der Kuppel und der Wände im Hauptraum sehr hübsch. Und die Architektur ist sehr raffiniert. Geht man langsam außen durch die umlaufenden Säulengänge und schaut zur Kuppel hoch ergeben sich sehr schöne und abwechslungsreiche Perspektiven. Dafür muss man sich aber frei bewegen können. Alles kein Problem heute. Draußen vor dem Mausoleum der Galla Placidia auch nicht unbedingt Schlangen.

Drinnen auch nicht.

Bei sich langsam leerendem Akku noch zum Battistero Neoniano. Auch keiner da außer mir. Der Wärter freut sich über die Abwechslung. Die Ausstattung ist von 450-475.

Das ist schon alt.

Zurück in Richtung Bahnhof mit Zwischenstop für ein Glas Wein und dann mit dem Bummelzug zurück nach Ferrara, Ankunft pünktlich. Kostet 8 Euro pro Strecke oder sowas. Abends vermutlich Bier, Wein, Käse und Wurst. Ich bin in der dritten Woche und es machen sich langsam Abnutzungserscheinungen an Füßen und Schuhwerk bemerkbar. Aber noch ist das hier nicht zu Ende!

20 Januar 2025

Nachbemerkung zu Padua gestern

Montag. Erholung in Ferrara, also Espresso, dann Automatenwaschsalon für die Klamotten beim Supermarkt am Stadtrand, dann Lesen, Kochen (pasta fresca vom Laden in der Nachbarschaft), Arbeiten und Nachbetrachtung. Was betrachten wir heute nach?

In den allerhand bisher in Italien angeschauten Bildern, seien sie aus dem 12., 14. oder 16. Jahrhundert, wimmelt es von Hunden. Offenbar hatte man immer gerne einen Hund dabei. Hunde sind positiv besetzt. Was man nie sieht auf den Bildern sind Katzen.

Bis gestern. In der Scoletta del Santo sind allerhand wundertätige Heilige gemalt. Da wiederbelebt man auch mal ein Kind, das in kochendes Wasser gefallen ist. Gute Sache sowas, sehr praktisch sogar, aber wer hat denn da nicht aufgepasst auf das Kind?

Die Katze natürlich. Sie schläft. Teufelswesen.

19 Januar 2025

Padua

Sonntag. Morgens bei 8 Grad und nebligem feuchtem Wetter mit dem Zug nach Padua, Ankunft pünktlich. Padua ist eine größere Stadt als Ferrara, auch offensichtlich auf deutlich mehr Touristen eingestellt. Trotzdem ist der kurze Weg vom Bahnhof in die Stadt hässlich und die Straßen ungepflegt. Aber so ist das wohl heutzutage. Es gibt aber eine moderne Tram, die rasch in die Stadt fährt. Man kann eine Kreditkarte an den Kartenleser in der Tram halten und braucht keine Fahrkarte vorher zu kaufen und sich auch nicht irgendwo zu registrieren. Kostet 1,70. So niederschwellig muss öffentlicher Nahverkehr überall sein! Als erstes in Battistero. Wegen der vielen Touristen ist die Führung hier, und wie sich dann zeigen wird alle Führungen in Padua, zeitlich streng reglementiert und eigentlich nur mit Vorbuchung möglich. Mitte Januar kauft man vor Ort in der Biglietteria und geht sofort rein (nicht bei Giotto, dazu gleich mehr).

Also zum Battistero. Nach ein paar Minuten hat sich eine Gruppe gebildet, wird zunächst in einen Raum mit mehreren großen Bildschirmen gesetzt und bekommt eine Predigt über Kopfhörer zu Bildern aus dem Battistero. Die Idee ist insofern ganz charmant, als dass die Bildschirme wirklich groß sind und man vergrößerte Details der Fresken sehen kann, die später mit dem bloßen Auge gar nicht zu erkennen sind. Das geht so 15 Minuten, danach wird man in das nur von kleinen Fenstern oben kaum beleuchtete Battistero geführt. Und dann schalten sie das Licht an.

Wie immer werden die Bilder größer wenn man draufklickt.

Ächz. 
 
Im Weiteren laufen Erklärungen immer noch über die Kopfhörer, die ich nicht trage, und dazu werden einzelne Teile der Fresken heller und dunkler beleuchtet. Zu Beginn und auch am Ende der etwa 25 Minuten, die man bleiben darf, sind alle Fresken aber bestimmt 10 Minuten gleichzeitig beleuchtet. Das reicht zwar eigentlich nicht, aber ist schon in Ordnung und die nächste Gruppe will auch rein. Die Fresken sind von 1375 von Menabuoi.

Draußen mittlerweile ordentlicher Regen. Da es schon ein Uhr ist ab zum Essen in die Trattoria Al Peronio. Wir essen keine Gänse sondern:

Sarde in Saor
Selbstgemachte Bigoli (die Betonung ist auf dem ersten i) mit Entenragout
Costoletta mit gerösteten Kartoffeln
Glas Wein
Wasser
Kaffee
45 Euro oder so

Das Essen ist eigentlich ene Reise von Osten nach Westen: Sarde in Saor ist typisch venezianisch, die Bigoli sind typisch padovanisch, und das panierte Kotlett gehört nach Mailand. Die Küche ist mehr robust als verfeinert, aber das will ich ja auch. Der Laden voll mit einer Mischung aus Touristen und Familien aus Padua. Wie schon beschrieben rechnet man in Padua mit Touristen, das Personal spricht mehrere Sprachen (und benutzt sie auch). Mir selber ist egal, in welcher Sprache man zu mir spricht, Hauptsache die Köche haben Ahnung von ihrem Handwerk (haben sie hier). Älter werden ist so praktisch!

Der geneigten Leserin und dem geneigten Leser müsste mittlerweile aufgefallen sein, dass ich in Italien eine Kohlenhydrat-Fleisch-Diät mache (plus Bier und Wein). Gemüse oder gar Obst habe ich noch nicht im Restaurant gesehen in den zwei Wochen hier. Obst bekommt man im Laden immerhin (Gemüse auch, aber was soll ich mit einer Stange Sellerie in Padua?). Immerhin koche ich mir in meiner Wohnung Gemüse-Brodo für die Cappelletti.

Draußen immer noch Regen. Zu Fuß unter den praktischen Arkaden zur Basilika Sant'Antonio. Auf dem Vorplatz steht eigentlich ein Reiterstandbild des Gattamelata, das ist aber eingerüstet und nicht zu sehen. Also rein. Hier ist ordentlicher Besuchsbetrieb, aber nicht zu voll, es wird aber auch ernsthaft gebetet. Zur kunsthistorischen Einschätzung ganz kurz: Wir sind hier im mittleren bis späten 14. Jahrhundert.



Über die Kirche gibts genug im Internet zu lesen was ich hier nicht wiederholen muss. Aber es geht noch weiter: Direkt daneben ist das Oratorio di San Georgio. Hier braucht man ein Ticket, das sich offenbar niemand leisten möchte. Lohnt sich aber, dafür ist man alleine. Es ist ein Raum.



Mit dem gleichen Ticket darf man nebenan in die Scoletta del Santo. Im ersten Stock liegt ein Saal, der rundrum mit Bildern behängt ist. Zwei von Tizian sind dabei, aber sie sind alle gut.



Dann mit der praktischen Metro zu Giotto. Hier geht es wirklich nur mit Vorbuchungen. Am gleichen Tag kann man nicht mehr online buchen, aber man kann vor Ort Restkarten kaufen. Auf meinem Weg vom Bahnhof in die Stadt hatte ich hier angehalten und morgens um 11 eine Karte für nachmittags um halb 5 bekommen. Man wird in Gruppen von 20 Leuten minutengenau durchgepfercht. Erst 15 Minuten in einem Warteraum akklimatisieren, dann genau 13 Minuten in der Cappella degli Scrovegni. Die nächste Gruppe wartet schon. Was soll man machen?


Ächz.
 
Im Regen mit dem Zug nach Ferrara zurück, Ankunft pünktlich. Noch irgendwas gemacht, vermutlich was mit Wein und Käse.
 
Ich bitte auch zu beachten wo ich nicht war: Im Taproom von CRAK. Das ist eine sehr gute Craftbierbrauerei in Padua, der Taproom hat sonntags durchgehend geöffnet und man kann dort auch etwas essen. Aber er liegt am Stadtrand von Padua und der Bus braucht 30 Minuten hin und 30 Minuten zurück. Das ist selbst mir dann zu blöd.

18 Januar 2025

Modena (2)

Samstag. Bedeckter Himmel. Zum Mittagessen mit zwei Zügen voller Idioten nach Modena, Ankunft pünktlich. Dort wollte ich eigentlich woanders essen aber bin an der Markthalle vorbeigekommen, in der sich das Volk amüsierte. Da habe ich mich mitamüsiert. 
 
 
Wir essen keine Gänse sondern:

Bruschette con fegato di pollo (Hühnerleber)
Tortellini con crema di parmigiano
Glas Lambrusco di Sorbara secco
Wasser
Espresso

Nach dem Essen zur Erholung in die lokale Craftbier-Bar und dann mit dem Zug zurück nach Ferrara, Ankunft pünktlich. Das Wetter hat sich auch erholt.


16 Januar 2025

Faenza

Donnerstag. Morgens mit zwei Zügen von Ferrara nach Faenza, Ankunft pünktlich. Vom Bahnhof sind es nur ein paar Schritte zum MIC.
 
Das "Museo Internazionale delle Ceramiche" in Faenza hat die unverwechselbare Aura eines europäischen Keramikmuseums. Man müsste eigentlich mehr Geld investieren, die Sammlungen lohnen sich ja immer, aber die Gebäude sind halt so wie sie sind und Geld kann man auch woanders ausgeben. Ich würde es nicht heruntergekommen nennen, vielleicht altbacken. Auch verdient die Sammlung eine andere, bessere Präsentation.
 
Die Keramiksammlung besteht aus drei großen Teilen.
 
Einmal die frühe asiatische und mittelamerikanische Keramik von vor AD bis ins 17. Jahrhundert. Damit beginnt der Rundgang in einem katakombenartigen Keller. Alles gute und schöne Stücke, auch unter den Aspekten des Handels und der Herstellungstechnologie kundig und ausführlich erklärt. Nur irgendwie finster, auch wenn die Vitrinen beleuchtet sind.

Dann die italienische Keramik vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert. Eigentlich sollte dieser Teil im Rundgang folgen, aber man wird ganz woanders hin geleitet und kommt hier zum Schluss vorbei. Von diesem Subjekt haben sie hier alles, alle Jahrhunderte, alle Herstellungsorte, alles. 
 

Das sind nicht ein paar Vitrinen, das sind Säle oder vielmehr Saalfluchten. Insbesondere ein Saal mit einem fest eingebauten Regalsystem von Vitrinen zeigt eine Überfülle von Exponaten der verschiedenen Produktionsorte und nuancierten Stile des 18. und 19. Jahrhunderts, die von dem interessierten Laien nicht mehr voneinander zu unterscheiden sind. Bis hier sind Gebrauchskeramik und (einzelne) Kunstgegenstände vermischt.


Der dritte Teil zeigt das 20. Jahrhundert, hier unterschieden in Kunst und Gebrauchskeramik. Der geneigte Besucher stopert irgendwie vom Mittelamerika des 13. Jahrhunderts in einen breiten Gang voller Kunst, und das ist richtig richtig gut. Für Keramikkunst gibt es in Faenza jährlich den "Premio Faenza" (wir sind im 63. Jahr) und viele der Gewinner haben ihre Stücke hiergelassen. Man findet (ich muss es so sagen) im weiteren Rundgang einen weiteren riesigen, aber schlecht konstruierten Raum voller atemberaubend schöner Keramik. In einer dunklen Ecke auch mehrere Stücke von Lucio Fontana, eine Schande.
 

 
Mehr durch Zufall und weil die Museumswärterin hier (es sind alles Frauen) aufpasst gehe ich noch einen langen Wendelgang in den Keller hinunter und gelange in einen großen Raum, der mit einem Lichtschacht beleuchtet ganz hell ist und wohl auch als Veranstaltungsort dient. Zuerst arbeitet man sich an einer langen Wand an einer etwas austauschbaren Sammlung entlang, die nach Verwendungsart (Öllampen, Becher, Kerzenhalter und so weiter) sortiert ist. Lässt man dann die Kacheln und Fliesen rechts liegen taucht eine Reihe von Vitrinen mit Geschirr des 20 Jahrhundert auf, jedes Jahrzehnt und jede Stilrichtung eine Vitrine. Die Stücke sind erlesen, ganz außerordentlich gut. Es ist fast so, als sollte man sie nicht finden.
 
Es kommt dann noch viel viel mehr. Sehr spannend eine lange Vitrine mit Photos von italienischen Kunstgewerbeausstellungen des 20. Jahrhunderts, und davor jeweils eine größere Anzahl von Originalen, die auf den Photos zu sehen sind. Unglaublich, was sie alles haben (und woher).
 

Zwei Virtrinen mit Keramik des Futurismus. Sie haben alles.

 
Ganz zum Schluss (oder zu Beginn, offenbar je nach Windrichtung) geht man eine herrschaftliche Treppe hinunter (oder hinauf). Sehr prominent hier gehängt eine riesige Keramik von Burri (von 1993). So verknüpfen sich die Fäden (siehe 6. Januar 2025). So schnell können 10 Tage vergehen.


Erschöpft rette ich mich zu Marianaza.


Bumsvoll die Bude. Die Attraktion ist ein großer offener Grill, der von mehreren Personen bearbeitet wird. Viele Gäste, insbesondere die männliche Varietät, verzichtet dann auch auf Vorspeise oder Nudelgang und lässt sich, gerne auch in Gruppen, Fleischplatten bringen.

Wir selber essen keine Gänse sondern:

Lardo con piadina
Cappelletti in brodo
Costoline di castrato
Wasser
Wein
Espresso
44 Euro

Der Lardo als Vorspeise ist nicht mehr das Wundergerät von vor zehn Jahren oder so. Damals wurden auf dem Grill ein paar Scheiben Weißbrot erst geröstet und dann kurz mit dem Lardo drauf weitergegrillt. Heute kommt kalter Lardo von sehr guter Qualität und dazu warmes Fladenbrot (piadina). Nicht schlecht, ganz und gar nicht, aber das ging früher besser.

Spaziergang durch Faenza, dann Zug nach Bologna. Bologna hat mir noch nie was gesagt und wenn ich Urlaub in einer stressigen Stadt machen wollte dann wäre ich nicht nach Ferrara gefahren. Aber wenn ich schon einmal dort bin dann will ich wenigstens einmal durch die Stadt gehen. Grandios natürlich die piazza de nettuno und die piazza maggiore, wo sie im Mittelalter dem Volk die gebratenen Tiere vom Balkon der palazzi zum Fraß hingeworfen haben bei offiziellen Anlässen. Basilica di San Petronio langweilig, Wappensaal des Archiginnasio nicht zugänglich (aber der sehr hübsche Bogengang im Erdgeschoss schon), dann rumgelaufen. Einer der beiden Torri neigt sich sehr bedrohlich, dunkel und abweisend stehen sie da in der Stadt herum. Wetter super, blauer Himmel, Sonne und kalt.


Abends nur Brot und Käse und Wein in meiner Wohnung.

14 Januar 2025

Venedig

Dienstag. Superwetter: 0 Grad kalt und sonnig und wolkenlos.
 
Der Autor konnte bis heute etwa um Viertel nach 11 ohne rot zu werden behaupten, noch nie in Venedig gewesen zu sein. Allenthalben hörte ich die tollsten Geschichten und schwärmerischen Berichte davon, aber gesehen habe ich Venedig noch nie. Um die meinem Sternzeichen angemessene Jungfräulichkeit wenigstens in Bezug auf Venedig recht lange zu erhalten habe ich mich auch im Vorfeld der Reise zurückgehalten. Als Reiseführer erstand ich den roten Band vom Touring Club Italiano, worin keine Bilder sind aber dafür Zeichnungen von jedem Palast entlang des Canale Grande inklusive ausührlichster Beschreibungen. Nur für die Stadt Venedig ist dieser Reiseführer über 700 Seiten dick, und er bespricht nur Kunst und sonst nichts. Ich kenne Bilder vom Canale Grande nur von Canaletto und Konsorten. Ich war da echt noch nie. Die Spannung steigt.
 
Das nennt man neumodisch "Erwartungsmanagement". In diesem Fall hier bedeutet es, dass die Erwartung maximal hoch ist. Und eigentlich nur enttäuscht werden kann. Vorab: Sie wurde nicht enttäuscht. Sie wurde weit übertroffen.
 
Also los morgens mit dem Frecciarossa von Ferrara nach Venedig. Superwetter, oder sagte ich das schon?
 
 
Ankunft in Venedig pünktlich. Und nun? Was ist der erste Eindruck von Venedig?
 
Der erste Eindruck ist der Bahnhof natürlich. Ich hatte ein Monster erwartet a la Roma Termini, aber nein. Ein supereleganter Flachbau zum Canale Grande hin, zur Zeit des Faschismus erbaut mit unverkennbaren Zeichen aber absolut italienisch. Sehr italienisch auch die Baustelle direkt vor dem Portal, so dass es sich nicht lohnt Bilder davon zu machen. Bilder gibts im Internet.
 
Der nächste Schritt war, eine Bootsfahrkarte für den ganzen Tag zu erstehen. Das Internet rät dringend dazu, vorab irgendwelche Voucher zu buchen und dann an Automaten auszudrucken. Man kann auch einfach an den Automaten gehen, zweimal auf den Touchscreen drücken und sich 25 Euro von der Kreditkarte abziehen lassen. Dauert nur Sekunden. Vermutlich reichen im Sommer die drei Automaten an der Anlegestation am Bahnhof nicht für den Andrang. Achtung: Auch das Tagesticket muss jedesmal "entwertet" werden bevor man ein Boot besteigt.

Der Vaporetto-Verkehr erscheint vielleicht zunächst verwirrend aber ist es eigentlich nicht. An den einzelnen Stationen gibt es häufig mehrere Trajekte, die dann mit Buchstaben durchgezählt sind also "Ferravia A", "Ferrovia B" und so weiter. An einem solchen Trajekt halten in der Regel nur Boote in eine Richtung von einer Linie, so dass man hier eigentlich nicht durcheinanderkommen kann.

Dazu hatte ich mir vorgenommen, NICHT vom Bahnhof aus den Canale Grande herunterzufahren und es mir gleich richtig zu geben, sondern vielmehr gegen den Uhrzeigersinn in und durch den Giudecca-Kanal zu fahren und sich San Marco dann vom Wasser her zu nähern. Linie 2 vom Steg "Ferrovia A" macht das. Es hat auch funktioniert. Es ist grandios.
 
Wie immer kann man auf die Bilder klicken, dann werden sie größer.
 
Ich sehe das zum ersten Mal in meinem Leben. Grossartig, oder sagte ich das schon? Einmal gelandet ist klar, dass wir hier auch im Januar nicht alleine sind, aber kein Problem. Auf der kleinen Piazza wird gebaut, die große Piazza ist groß und leer. Vor San Marco sind keine Schlangen, mehr geht einfach rein.



Was dann kam hatte ich nicht erwartet. Natürlich liest man im Reiseführer (der ohne Bilder) und denkt sich seinen Teil. Auch habe ich ja schon dies und das gesehen auf der Welt. Aber sowas habe ich noch nicht gesehen.



Damit könnte man den Tag beenden. Ich habe alles gesehen.

Oder weiter. Zu Fuss zur Akademiebrücke und dann entlang des Rio d. San Trovaso zur Osteria Al Squero. Das ist eine sogenannte "Cicchetti"-Bar, venezianische Tapas oder Pintxos wie die Spanier sie nennen würden. Der Laden ist winzig und man sitzt aufeinander bei guter Stimmung. In der Theke gibt es Versionen von cicchetti mit Gemüse, Fisch oder Fleisch (also zum Beispiel mit Lardo belegt). Am Ende sind es Scheiben von Stangenbrot mit einer Scheibe Salami drauf. Das Internet ist von dem Laden begeistert aber vermutlich sind es Touristen die froh sind, überhaupt irgendwo in Venedig etwas zu essen bekommen zu haben. Gut ist es nicht, trockenes Brot vom Morgen mit einer Scheibe Lardo oder sowas, jede Spanierin und jeder Spanier wäre sofort getürmt. Aber gemütlich.

Und wer sagt eigentlich es sei immer voll in Venedig?


Von da den schönen Spaziergang am Südufer des Dorsoduro entlang bis zu Santa Maria delle Salute im prallen Sonnenschein, denn entlang des Canale Grande zurück. Dann in die Ak(k)ademie.


Der Laden ist eine Katastrophe für Besucher, die Führung geht nicht weil irgendwie alles andersherum ist heute. Natürlich ist das das herausragende Museum für venezianische Kunst des 16. Jahrhunderts und später. Ich selber kann damit so viel nicht anfangen, ich (wir hatten das schon bei der Ausstellung in Ferrara) lebe im Kopf etwas früher. Nichtsdestotrotz ist das hier toll. Nicht zu Venedig gehören ein paar überraschende Bilder: Ein kleines von Piero della Francesca, das mir nichts sagt aber die schönen Hügel von Sansepolcro im Hintergrund hat, und zwei und ein 4/3 Triptychon von Hieronimus Bosch was mich hier überrascht aber die stehen da einfach so und man kann seine Nase drandrücken anders als in Madrid, wo da noch 1000 andere Leute vorstanden. 
 
 
Dann natürlich Säle über Säle von der Mutter mit dem Kind und dem Kind am Kreuz. Sehr schön ist ein kleiner Raum, den man fast übersehen könnte, mit einem großen Bild von Tizian am Originalort:
 
 
Ein wenig gemaltes Motiv, der Tempelgang der (dreijährigen) Mariä. Das Kind leuchtet aus dem Bild heraus.
 
Einmal Tizian immer Tizian, also zur Frari-Kirche. Da gerade ein Boot kommt dann halt mit Boot. Also dann doch: Der Canale Grande vom Wasser aus. Mir stockt der Atem.
 

 
Die Frari-Kirche fährt im Januar ein Sonderangebot: Eintritt für 2 Euro statt 5 Euro. Dafür schaue ich mir dann auch nur ein Bild an, ganz hinten am Altar. Die Kirche selber hätte man ruhig ein wenig größer bauen können. Viel zu bescheiden.

 
Das liest sich jetzt alles so angenehm und kurzweilig aber es wird mittlerweile dunkel draußen. Also jetzt doch mit dem Vaporetto über den Canale Grande zurück zum Bahnhof. Das volle Programm.
 

 
Zurück nach Ferrara mit dem Regionalexpress, Ankunft in Ferrara pünktlich. Ein Stück Pizza und dann weiter im Kulturprogramm zum Klavierkonzert in dem wundervollen Theater von Ferrara.



Eine Loge für mich alleine im 2. Stock mit perfektem Blick auf die Finger von Andrea Lucchesini und sehr gutem Klang. Er spielt
 
Luciano Berio - Six Encores
Franz Liszt - Sonata in si minore S178
Luciano Berio - Sequenza IV per pianoforte
Fryderik (so schreiben die Italener ihn) Chopin - 24 Preluden op. 28
Zugaben: Chopin und Prokofjiew.

Sehr gut und schön lang. In dem Theater habe ich schonmal ein Konzert gehört, Matthias Goerne hat damals zu Alexander Schmalcz am Klavier die "Schöne Müllerin" gesungen - das werde ich meinen Lebtag nicht mehr vergessen. Das Publikum erstarrte.

Piero-Zähler: 8.

11 Januar 2025

Arezzo

Samstag. Mal sonnig mal bedeckt und kalt. Samstags gibt es vormittags einen durchgehenden InterCity von Ferrara nach Arezzo (und weiter nach Rom). Den hatte ich schon vor langer Zeit gebucht. Abfahrt in Ferrara pünktlich.


Der Zug kann sich nicht drehen, deshalb hält er in Florenz nicht in der Stadt sondern in einem Vorort. Die Wagen sind fast leer und bequem. Leider sieht man im Valdichiana nicht viel vom Valdichiana, weil die Schnellstrecke durch die Landschaft (und das heisst meistens unter der Landschaft her) schießt. Ankunft in Arezzo pünktlich.

In Arezzo munteres samstagliches Treiben. Die Osteria l'Agania ist nur zehn Minuten vom Bahnhof entfernt. Der Laden ist viel größer als er aussieht, es gibt noch eine obere Etage und hinterum kommt man noch in mindestens einen weiteren Saal im Haus nebenan. Ständiges Kommen und Gehen, bumsvoll. Die Öffnungszeiten mittags sind bis 14:30 Uhr angegeben, aber wer um 14:45 Uhr kommt wird platziert und versorgt, und sei es in einer Gruppe von 6. Hier geht es nicht um "Leider schon geschlossen", hier geht es darum die Gäste zu füttern und sie glücklich zu machen (und dabei eine Menge Geld zu verdienen, aber so muss es sein).


Wir essen keine Gänse sondern:

Bruschette toscane (auf dem Bild)
Tagliatelle con regu di cinghiale
Kutteln in Tomatensauce
Wasser
Wein
Espresso
34 Euro

Das Olivenöl ist aus Monte San Savino.

Super. Dann Verdauungsspaziergang auf die tolle Piazza. Hier immerhin einzelne Touristen.


Dann ganz nach oben in den Dom. Ein weiterer Piero della Francesca an der Wand hinten in der Ecke.


Von dort wieder runter auf der anderen Seite zu San Domenico. Die Kirche wird ncht so häufig besucht, dabei hängt dort ein sehr frühes und sehr eindrucksvolles Kreuz von Cimabue. 
 
 
Und dann wieder retour zu San Francisco, zum Freskenzyklus des heiligen Kreuzes von Piero della Francesca. Kein Mensch in der Kirche.





 
Wir setzen das Kunstprogramm mit zwei Gläsern guten Craftbeers im "Hoppy Lab" fort. "Laboratorio" ist ein In-Wort in Italien, dort wo Teig geknetet wird ist ein "Teig-Labor", hier ist halt ein "Hopfen-Labor" auch wenn hier kein Bier gebraut wird. Die Italiener kennen die zusammengesetzten Worte des Deutschen nicht, die Türstopperkatze ist die Ferma Porta Gatto. 
 
 
Der Taproom von "Hoppy Lab" ist so, wie ihn nur Italiener können: Im Erdgeschoss eines Palazzo direkt unterhalb von San Francesco. Hier nehme ich auch ein paar Dosen von Alder Beer Co. aus Mailand mit, was sich als Volltreffer erweist und die Rückfahrt signifikant verschönert. Die 1. Klasse des InterCity zurück ist leer, draußen ist es dunkel und drinnen gemütlich warm bis der Zug pünktlich in Ferrara ankommt. Hin- und Rückfahrt in der 1. Klasse haben, früh gebucht, zusammen 25 Euro gekostet.

Piero-Zähler: 7 (wenn man San Francesco als ein Bild zählt).